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Rezension: Politische Talkshows über Flucht

Goebel, Simon (2017): Politische Talkshows über Flucht. Wirklichkeitskonstruktionen und Diskurse. Eine kritische Analyse. Bielefeld: transcript Verlag. 436 pages. ISBN 978-3-8376-3716-8

Christine Horz, Ruhr-Universität Bochum

Talkshows über FluchtDer vorliegende Band fußt auf einer Dissertation, die nicht im Fach Kommunikationswissenschaft geschrieben wurde. Dennoch lohnt der Ausflug in die Cultural Studies, weil Simon Goebel ein zentrales und hochaktuelles Thema der transkulturellen Kommunikationswissenschaft aufgreift. Mit kritischer Perspektive und einer ethnografisch-hermeneutischen Methodik liefert der Autor eine „dichte Beschreibung“ von 15 ausgewählten politischen Talkshows zum Thema Flucht im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Wie die meisten Qualifikationsarbeiten ist auch dieses Buch in eine Einleitung, einen Theorie- und einen Empirie-Teil gegliedert. Den Auftakt der Arbeit macht die transkribierte Szene einer Polit-Talksendung der ARD (Beckmann), in der eine Geflüchtete über ihr Leben in Deutschland berichtet. Allerdings macht Goebel am Ende dieser „Szene als Einstieg“ (15) deutlich, dass sie eine Ausnahme bildet – weil die Protagonistin selbst zu Wort kommt und weil diese darüber hinaus auch den prekären Aufenthaltsstatus der Duldung hat und sich dennoch in der Öffentlichkeit artikuliert und somit einer Gruppe Gehör verschafft, über die Medien normalerweise berichten.

 

Im „Problemaufriss und Fragestellung“ (21), dem ersten Kapitel, wird auf der Grundlage der Postcolonial und Cultural Studies entsprechend eine knappe Einordung von Geflüchteten in Deutschland als Subalterne vorgenommen, über die zwar gesprochen wird, die jedoch selten in den Medien selbst zu Wort kommen. Demgegenüber steht die wachsende Zahl an Polittalksendungen, die Flucht thematisieren – im Jahr 2015 zählte der Autor knapp 60 Talksendungen zum Thema. Kapitel 2 bereitet einleitend auf den gesellschaftskritischen Ansatz der Cultural Studies vor. Daraus leitet Goebel sein Verständnis (kultur-)wissenschaftlicher Analyse ab, das dezidiert politisch ist und historische und kulturelle Kontexte sowie alltagskulturelle Phänomene einbezieht. Goebel verweist vor allem auf den Inszenierungscharakter der Populärkultur, den die Cultural Studies vor anderen kulturwissenschaftlichen Konzepten in den Blick nimmt und dem der Autor seinen Analysegegenstand (politische Talkshows) zuordnet. Der Cultural Studies-Ansatz begreift sich dabei als Ideologiekritik und interventionistische Wissenschaft (60) und damit – was aus Sicht der Kommunikationswissenschaft mitunter befremdlich wirkt – als integrierte Theorie/Methode. Auch wenn die Programmatik sowie die Begrifflichkeiten andere sind, so sind die Schnittmengen mit der transkulturellen Kommunikationswissenschaft nicht zu übersehen. Wie diese gehen die Cultural Studies davon aus, dass rassistische Mediendiskurse aufgrund ihrer schieren Menge, sowie ihrer Subtilität und Komplexität „einen deutlichen Effekt auf Rezipient_innen haben“ (64). Auch der Ansatz, auf bestehende Missstände und ein Versagen der journalistischen Selbstkontrolle hinzuweisen, ist eine wichtige normative Aufgabe der transkulturellen Kommunikationswissenschaft, ohne diese jedoch per se im Programm zu führen.

In Kapitel 5 geht der Autor auf die Migrations- und Flüchtlingsforschung ein und konstatiert eine eklatante Leerstelle letzterer innerhalb der deutschen Forschungslandschaft. Tatsächlich ist die Forschungsdecke dünn und erst im Juni 2013 wurde das Netzwerk Flüchtlingsforschung von J. Olaf Kleist zusammen mit Nora Markard und Jochen Oltmer gegründet (http://fluechtlingsforschung.net/uber-netzwerk-fluchtlingsforschung/). Zu Recht fragt Goebel, warum sich Migrationsforschung – ähnlich wie die Kommunikationswissenschaft – häufig an nationalen Paradigmen orientiert, die Migrant_innen als Abweichung von der Norm konzeptualisieren. Die Politik gibt dabei Kategorien vor, die, so Goebel, häufig problemzentriert sind und von der Wissenschaft übernommen würden. So impliziert „Menschen mit Migrationshintergrund“ häufig Problemkonstellationen (70), die auf bestimmte Ethnien bezogen sind. Goebel gibt noch eine knappe Übersicht über die „drei Phasen der Einwanderung in die BRD“ (74), wobei hier der Vollständigkeit halber auch ein Einblick in die Einwanderungsgeschichte in der DDR sinnvoll gewesen wäre.

 

Kapitel 6 widmet sich dann der Theoretisierung des Polit-Talks als populärkulturellem Phänomen zwischen Information und Unterhaltung. Nach einer einleitenden historischen Einordnung werden funktionale Bestandteile wie Typisierung, Gäste, Redaktion und Moderation, Studiopublikum, Technik und Einspieler näher betrachtet. Gerade die Auswahl der Gäste erscheint im Kontext der Untersuchung besonders interessant, da die Wechselwirkung des Wunsches der eingeladenen Politiker, unterhaltend zu informieren und dem Ziel der Medien, politisch zu unterhalten, entscheidend von den Gästen abhängt (91). Goebel kritisiert in diesem Zusammenhang quantitative kommunikationswissenschaftliche Studien, weil manche zu unkritisch an das Thema herangingen und Machtfragen relativierten.

 

In Kapitel 7 entwickelt der Autor sein Analyseinstrumentarium, das auf qualitativen interpretativen Verfahren beruht: „Cultural Studies betreiben demnach eine Art Inhaltsanalyse“ (100). Gerade diese offene (vage), hermeneutische Herangehensweise wird in der Kommunikationswissenschaft häufig skeptisch betrachtet, weil eine Systematik fehlt, ja, gar nicht in erster Linie angestrebt wird, sondern vielmehr die „Offenlegung ‚manifester und latenter Sinnstrukturen‘“ (100). Goebel entscheidet sich für eine Verknüpfung dieser Methode mit der Kritischen Diskursanalyse. Nach Foucault handelt es sich bei Diskursen um Aussagensysteme, die die Wirklichkeiten in spezifischer Weise transformieren (103). Schließlich verknüpft Goebel beide Methoden noch mit der „Medienanalyse“ (womit er die hermeneutische Film- und Fernsehanalyse nach Hickethier meint) (110). Goebel transkribiert dabei Sequenzen nach dem Schema Zeit, Sprecher und Bild.

Die folgenden Kapitel 8 bis 13 machen den empirischen Teil der Arbeit aus, der „Polittalk-Analysen“ enthält. Die jeweiligen Überschriften können dabei als übergeordnete Diskursstränge verstanden werden, die induktive Kategorien bilden. Dazu gehören „Asylrecht und quantitative Zuschreibungen“ (Kap. 8), „Europa, Grenzschutz und Todesfolgen (Kap. 9), „Aufnahme, Ablehnung und Umgang mit Geflüchteten“ (Kap. 10), „‚Die Deutschen‘ ‚‘die Geflüchteten‘ und viele Emotionen“ (Kap. 11), „Identität, Kultur und Rassismus“ (Kap. 12) sowie „Belastung, Bereicherung und Ökonomismus“ (Kap. 13).

Exemplarisch sollen hier nur Kapitel 12 und 13 besprochen werden, um zu verdeutlichen, inwiefern Goebels Befunde an die der transkulturellen Kommunikationswissenschaft anschlussfähig sind oder nicht. Beim Diskursfeld Rassismus in Polittalksendungen zeigt der Autor auf wie, mit welchen Strategien es den Talkshowgästen gelingt, rassistische Diskurse zu bedienen und diese mitzugestalten. Goebel bezieht sich u.a. auf eine „Anne Will“-Sendung (Das Erste, 17.04.2011), in der Björn Höcke (AfD) durch eine kulturrassistische Aussage ein deutliches „Othering“ vornimmt – und damit auch den Integrationsdiskurs der Mitte der Gesellschaft bedient, welchem die Vorstellung von kulturell Eigenem und kulturell Fremden inhärent ist (315). Die transkulturelle Kommunikationswissenschaft hat mehrfach auf die Zuspitzung und Negativität der Themen mit Blick auf Migration und Islam sowie die diesbezügliche Themenarmut in bspw. Magazinsendungen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender hingewiesen (s. u.a. Hafez, Kai/Richter, Carola, 2007, ApuZ 26-27). Die interpretative Beschreibung Goebels ist zwar detailreich, doch lässt sie zuweilen eine gewisse Distanz zum Gegenstand vermissen, so dass sich häufig subjektive Einschätzungen mit durchaus objektivierbaren Interpretationen vermischen. Eine deutlichere Trennung von beidem hätte seine Argumentation gestärkt.

Der Autor orientiert sich an den Talkgästen, Journalisten und Politikern aus dem rechten Spektrum, die als „Krawallmacher“ für Quote sorgen und kommt dann zum Schluss, dass mit Ausnahme einiger Beckmann-Sendungen, eine Objektivierung des Anderen und Subjektivierung des Eigenen stattfindet (345). Diese doch sehr lineare Herleitung der Analyse der Aussagen rechter Talkgäste hin zum Befund eines allgegenwärtigen Rassismus in den Polittalkformaten erweckt den Anschein, als bestätige Goebel lediglich seine vorab gefassten Erwartungen.. Dadurch bleibt die spannende Frage leider unbeantwortet, ob eine heterogenere Auswahl der Talkgäste zu einem differenzierteren Bild geführt hätte oder nicht – zumal die präsentierten Daten in Kap. 14 dies durchaus nahelegen.

Kapitel 13 ist an kommunikationswissenschaftliche Framinganalysen zum Thema Flucht anschlussfähig, die beispielsweise im Global Media Journal-DE, Jg. 6, Nr. 1, 2016 in einer Spezialausgabe behandelt wurden. So stellten Vivien Benert und Anne Beier in ihrer internationalen Zeitungsanalyse fest, dass der „Belastungs-Frame“, Geflüchtete als Opfer sowie die ökonomische Debatte ein große Rolle bei der Berichterstattung über Flucht spielt. Auch Goebels Befunde zielen auf die Belastung, Bereicherung und Ökonomismus ab (349), wobei es ein Manko der Arbeit insgesamt ist, dass der Autor diesbezügliche Befunde der Kommunikationswissenschaft weitgehend ausblendet.

Der Autor geht in Kapitel 13 anders vor als in Kapitel 12, weil er hier zunächst negative und positive Diskurse unterscheidet, die die Talkgäste mit konstruieren, um dann Interdiskurse und Subdiskurse wie „Von ‚Sozialschmarotzern‘ und ‚Wirtschaftsflüchtlingen‘“ (352) oder „Qualifikationen Geflüchteter nützen dem deutschen Arbeitsmarkt“ (372) als Kategorien zu analysieren. Zusammenfassend macht Goebel die „Dominanz von Nützlichkeitserwartungen“ (381) aus. Die Auswahl der Analysegegenstände wirkt teils etwas willkürlich, wobei der Detailreichtum dies aufwiegen kann.

Im Schlusskapitel (389) visualisiert Goebel u.a. die quantitative Verteilung der Politiker nach Parteizugehörigkeit in den 15 untersuchten Sendungen in einem Diagramm (391). Diese entspricht nicht den Wahlergebnissen – Linke- und SPD-Politiker sind stark, CDU-Politiker hingegen nur leicht unterrepräsentiert, während AfD-Politker leicht und Grüne- und CSU- Politiker stark überrepräsentiert sind. Auch das Tortendiagramm der unterschiedlichen Funktionen der Talkgäste ist aufschlussreich, zeigt es doch, dass Personen mit Fluchterfahrung nur in wenigen Polittalksendungen als Gäste eingeladen sind. Auch hier gibt es Schnittmengen mit kommunikationswissenschaftlichen Befunden, die auf Partizipationsdefizite von Einwanderern hinweisen (u.a. Horz 2016).

Fazit: Goebel geht mit seiner hermeneutischen Cultural Studies-Analyse einen eigenen Weg, der spannende Details und kritische Analysen enthält, die ergänzend zu kommunikationswissenschaftlichen Befunden durchaus einen Mehrwert darstellen. Im Ergebnis bewertet er die Sendungen insgesamt als konfliktverschärfend und trotz der teils subjektiven Einschätzungen lohnt es sich, die zahlreichen Details zu entdecken und mit Befunden der transkulturellen Kommunikationswissenschaft zu vergleichen.

 

 

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