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Rezension: The Rhetoric of Racist Humour

Weaver, Simon (2011): The Rhetoric of Racist Humour. US, UK and Global Race Joking. Farnham: Ashgate. 215 Seiten. ISBN: 978-1409420118

Patricia Carolina Saucedo Añez, Universität Erfurt

Cover_Rhetoric of Racist HumourIn seinem Werk geht Simon Weaver das Risiko ein, als „humorlos“ bezeichnet zu werden, denn er untersucht aus einem kritischen Ansatz heraus die rassistischen Funktionen der Rhetorik des Humors in postmodernen westlichen Gesellschaften. Seiner Meinung nach ist eines der Hauptprobleme, welches die Forschung zum Thema Humor mit sich bringt, die Tatsache, dass Humor für die Mehrheit der Gesellschaft keinen ernsthaften Diskurs darstellt. Er kann jedoch ernsthafte soziale Folgen haben. Humor stellt generell einen extrem ambivalenten Diskurs dar, der unerwartete Lesarten auslösen kann. So kann die Mehrdeutigkeit, die rassistischem Humor unterliegt, als ein Prozess beschrieben werden, dessen Auswirkungen nicht vorhersehbar sind. Zudem erfüllt Humor unterschiedliche Funktionen, die nicht nur „positiv“ sind – wie häufig im Alltag gedacht – sondern er kann auch eingesetzt werden, um Rassismus zu unterstützen: In diesem Zusammenhang stellen die Juden-Karikaturen der nationalsozialistischen Wochenzeitung Der Stürmer ein paradigmatisches Beispiel dar. Insgesamt kann dieses Werk also der Kritik am sogenannten Humor-Positivismus zugeordnet werden.

Weaver analysiert sechs aktuelle Beispiele aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien sowie Fälle, die es dank großer Kontroversen zu globaler Beachtung gebracht haben, bspw. die dänischen Jyllands-Posten-Karikaturen über den muslimischen Propheten Muhammad.

Für seine Analyse greift der Autor auf den Begriff der „flüssigen Moderne“ des polnischen Soziologen Zygmunt Bauman zurück. Dieser Begriff bezieht sich auf die herrschende Ambivalenz, die Schwächung der gesellschaftlichen Strukturen und den zunehmenden Individualismus. Weaver überträgt diese Auffassung auf die Untersuchung des gegenwärtigen medialen „rassischen“ Humors. Folgt man Weavers Argumentation, so löst „rassischer“ Humor sowohl rassistische als auch nicht unbedingt rassistische Lesarten aus. Mit diesem Konzept unterstreicht der Autor, dass Ambivalenz und Mehrdeutigkeit charakteristisch für die Formation des gegenwärtigen Humors sind und somit der Rhetorik des heutigen Rassismus dienen können.

Die ersten beiden Kapitel des Buches bieten dem Leser einen Überblick über klassische Humor-Theorien (Überlegenheits-, Inkongruenz- und Entlastungstheorien) und entwickeln den theoretischen Rahmen zur Analyse der diversen Fallstudien. Weaver differenziert drei verschiedene Formen rassistischer Diskurse. Einerseits unterscheidet er den sogenannten „verkörperten Rassismus“, der die Reste des klassischen biologischen Rassismus beinhaltet. Anschließend beschreibt Weaver den „kulturellen Rassismus“, der in Verbindung mit dem Verlust an Legitimation des „verkörperten Rassismus“ in Zeiten von transnationaler Migration in einer postkolonialen Welt steht. Zum Schluss betont der Autor den postmodernen „flüssigen Rassismus“ und meint damit denjenigen Rassismus, der keine monolithische Lesart auslöst, aber in bestimmten Situationen und von bestimmten Akteuren als Rassismus erlebt wird.

Im dritten Kapitel analysiert er die erste Fallstudie. Hier konzentriert sich der Autor auf die Rhetorik rassistischer Witze im Internet, die er als ein Beispiel für den sogenannten „verkörperten rassistischen Humor“ definiert. Weaver untersucht Witze über schwarze Menschen, die nicht ausschließlich mit ethnischen Stereotypen arbeiten, aber der Artikulation des Glaubens an die Unterlegenheit dieser Gruppe dienen und somit Rassismus und den Ausschluss dieser Gruppe unterstützen. Im vierten Kapitel untersucht Weaver Fälle von Kulturrassismus am Beispiel britischer Stand-up-Comedians, die sich besonders auf kulturelle und linguistische Unterscheidungen von „Anderen“ in Migrationskontexten beziehen. Er konzentriert sich auf die Nummern der britischen Komiker Jim Bowen, Jim Davison, Jimmy Jones, Bernard Manning, Mike Reid Frank Carson, Jetro und Freddy Starr.

Im fünften Kapitel analysiert Weaver die Umkehrung rassistischer Diskurse, die schwarze Komiker in ihren Nummern einsetzen, wie Reginald Pryor, Lenny Henry und Chris Rock. In diesem Zusammenhang betont er, dass diese Umkehrung von Rassismus oft symbolische Elemente mit einbeziehen kann, die sehr mehrdeutig sind und somit auch Rassismus unterstützen können. So ist die Kritik an Rassismus und ethnischen Stereotypen nicht zwangsläufig erfolgreich beim Publikum, sondern, so argumentiert Weaver, könne die Verfestigung rassistischer Vorstellungen bewirken. Im sechsten Kapitel untersucht Weaver nordamerikanischen und britisch-asiatischen Humor am Beispiel der Komiker Russell Peters, der Dreiergruppe Allah Made Me Funny, des Komikers Omis Djalili und der Komikerin Shania Mirza. Er kommt zu dem Schluss, dass die Rassismus-Kritik dieser sogenannten „Ethno-Komiker“ viel Mehrdeutigkeit enthält und somit auch das Risiko besteht, rassistische Diskurse dadurch zu verfestigen.

Das siebte Kapitel ist den Phänomenen des „flüssigen Rassismus“ und des „postmodernen Humors“ gewidmet. Als paradigmatisches Beispiel für diese Phänomene wird der Charakter Ali G des britischen Komikers Sasha Baron Cohen beschrieben. Diese mehrdeutige Figur drückt drei Formen des „flüssigen Rassismus“ aus: eine Art postmoderne Minstrel Show, ethno-kultureller hybrider Rassismus und gegen Asiaten gerichteter Rassismus. Im achten Kapitel werden „postmoderner Humor“ und „flüssiger Rassismus“ am Beispiel der Jyllands-Posten-Karikaturen des muslimischen Propheten Muhammad untersucht. In diesem Zusammenhang beschreibt Weaver vier mögliche Lesarten dieser Karikaturen, die damals gleichzeitig innerhalb unterschiedlicher Gruppen des globalen Publikums aufgetreten sein sollen: 1) die von den Autoren und Journalisten zugeschriebene Bedeutung („intended“ meaning), was laut Weaver heißt: Die Karikaturen stellten eine Kritik am islamischen Fundamentalismus dar; 2) die Einstellung, dass diese Karikaturen Blasphemie sei; 3) die Interpretation dieser Karikaturen als ein Zeichen von Islamophobie bzw. Islamfeindlichkeit; und 4) diejenigen säkularen und liberalen Ansichten, die sich auf der Basis der europäischen Werte der Presse- und Meinungsfreiheit für die Veröffentlichung der Karikaturen aussprachen. An diesem Beispiel kann er eindrücklich zeigen, dass Humor gleichzeitig sowohl rassistische als auch nicht rassistische Bedeutungen erzeugen kann.

Die Ambivalenz und Mehrdeutigkeit des „flüssigen Rassismus“ und der heutigen humoristischen Manifestationen tragen zur zunehmenden Komplexität des Phänomens bei. Sie unterminiert die „Festigkeit der Interpretation“ und dies macht eine kritische Haltung seitens der Rezipienten schwieriger. Eine Kritik am heutigen rassistischen Humor verlangt eine komplexere intellektuelle Arbeit. Manche „rassische Bedeutungen“ haben immer noch das Potenzial, rassistische Auswirkungen zu verursachen, aber diese sind heutzutage verwirrender und nicht immer so eindeutig wie früher, sprich man kann häufig auch für nicht-rassistischen Deutungen plädieren. Aber obwohl Rassismus in Witzen schwieriger zu identifizieren ist, wird er immer noch von vielen als solcher wahrgenommen.

Das Buch Weavers bietet einen kohärenten und umfassenden theoretischen Rahmen zur Analyse unterschiedlicher Beispiele von Humor aus verschiedenen geografischen Kontexten. Die Befunde der Mehrdeutigkeit von „flüssigem Humor“ und Vermittlung postmodernen Rassismus‘ werden ausschließlich anhand medialer Texte analysiert. Allerdings wurde die tatsächliche Rezeption dieser medialen Produkte im Buch nicht untersucht. Weavers Arbeit kann als theoretische Basis und methodischer Input für zukünftige empirische Untersuchungen der Rezeption mediatisierten ethnischen und rassistischen Humors dienen – auch und gerade in nicht-westlichen Kontexten.

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