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Rezension: Medien als Akteure in der politischen Transition. Bolivien im Autonomiekonflikt.

Hetzer, Andreas (2015): Medien als Akteure in der politischen Transition. Bolivien im Autonomiekonflikt. Baden-Baden: Nomos. 422 Seiten. ISBN 978-3-8487-2417-8

Mundo Yang, Universität Siegen

Cover_Hetzer_Bolivien im AutonomiekonfliktDie in der Reihe Medienstrukturen erschienene Studie von Andreas Hetzer zur Rolle von Medien in der politischen Transition Boliviens seit der Jahrtausendwende füllt zwei Forschungslücken: Zum einen versteht es der Autor über modernisierungstheoretische Ansätze der Transformationsforschung hinauszugehen und einen neuartigen sozio-strukturellen Erklärungsansatz zu entwickeln und empirisch anzuwenden, der auf Pierre Bourdieus Feldtheorie basiert. Zum anderen dient eben diese Feldtheorie dazu, auf die bislang vernachlässigte Rolle journalistischer Nachrichtenmedien zu fokussieren, die stark von sozialen Bewegungen der Indigenas getragen werden. Damit überbrückt Andreas Hetzer auch bislang getrennt verlaufende Forschungsstränge in der Politikwissenschaft und der Kommunikationswissenschaft bzw. der Mediensystemforschung. Diese theoretischen Bemühungen bauen auf einem beeindruckenden Wissen über die Geschichte und Innenpolitik Boliviens auf, sowie umfangreichen empirischen Erhebungen, die der Autor selbst vor Ort durchgeführt hat.

Ziel der Arbeit ist es dabei nicht, das hybride – also zwischen Demokratie und Autokratie stehende – Regime in Bolivien auf einer idealen Entwicklungsbahn hin zu westlichen Vorbildern zu verorten. Vielmehr steht im Mittelpunkt, ein tieferes Verständnis für die sozio-ökonomischen und medialen Konfliktdynamiken zu gewinnen, die mit der zunehmenden politischen Selbstvertretung indigener Bevölkerungsgruppen in der letzten Dekade einhergingen. Diese Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse wird dabei nicht nur auf sozio-ökonomischen Strukturwandel, sondern mit Hilfe von Bourdieus Unterscheidung verschiedener Kapitalsorten auch auf politisch-kulturelle Auseinandersetzungen zurückgeführt. Der Fokus auf die intervenierende Rolle des Medienregimes erscheint dabei sinnvoll, denn die Massenmedien ermöglichen sozialen Bewegungen, Parteien, Gewerkschaften und anderen Akteuren in Bolivien auf spezifische Weise politischen Druck aufzubauen, wobei sie wiederum selbst in komplexen Abhängigkeitsverhältnissen zum politischen Feld stehen und dabei aktiv an deren Rekonfiguration beteiligt sind. Diese aktive Rolle der Massenmedien untersucht Andreas Hetzer mit Hilfe von Medieninhaltsanalysen meinungsführender Printmedien, wobei ein auf die politischen Konflikte zugeschnittener Ansatz der Frame-Analyse zum Einsatz kommt.

Insgesamt zeichnet Andreas Hetzer ein Bild des Transitionsprozesses in Bolivien, das sowohl historisierend komplex als auch theoriegeleitet ausfällt. Die weiterhin unabgeschlossene Demokratisierung des politischen Regimes steht einer Entwicklung des Medienregimes in Richtung mehr Unabhängigkeit und Fähigkeit zur Ausübung demokratischer Kontrolle entgegen. An diesem Zusammenhang ändern auch die Emanzipationsbestrebungen der Indigenas innerhalb des politischen Feldes wenig. Zwar rekonfiguriert sich die Parteienlandschaft zugunsten der neu auftretenden sozialen Bewegungen und Parteien, was mit einem Verschwinden der alten Parteien einhergeht. Die alten Eliten bleiben jedoch einflussreich, vor allem in der Medienlandschaft, und so kommt es zum Dauerkonflikt zwischen Politik und Medien, wobei letztere para-repräsentative Funktionen übernehmen und zunehmend selbst als politische Sprachrohre auftreten, die Repräsentationslücken im Parteiensystem ausfüllen.

Die Feldstudie zur aktiven Rolle der Medien und zum Wandel von Medienstrukturen in einem politisch hochdynamischen Umfeld schließt an Arbeiten von Rodney Benson und Erik Neveu sowie Thomas Hanitzsch zum Wandel des medialen Feldes in den USA, Frankreich und Deutschland an. Das Besondere an der Studie von Andreas Hetzer liegt allerdings darin, dass er die Feldtheorie für die Transitionsforschung nutzbar macht und auf außerwestliche Gesellschaften anwendet. Er zeigt anschaulich, wie sich Feldverschiebungen innerhalb kurzer Konfliktzeiträume ereignen und uns wertvolle Erkenntnisse über neue Kräftekonstellationen und Machtverschiebungen auf sozialen Feldern liefern. Andreas Hetzer legt mit dieser Monographie eine detaillierte Analyse Boliviens vor, wie sie in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung nur selten für die Länder des Südens zu finden sind. Die Arbeit ist demnach als Plädoyer für eine Weitung des dominierenden eurozentrischen Blickes in der vergleichenden Mediensystemforschung zu verstehen, wobei die methodische Kombination aus Feld- und Frame-Analyse auch für die Untersuchung der politischen Positionierung von Medien in sogenannten stabilen Demokratien lohnenswert ist. Für all diejenigen, die sich mit Pierre Bourdieu in der Kommunikationswissenschaft beschäftigen, ist die Lektüre dieser umfangreichen Studie von Andreas Hetzer ein Muss.

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