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Review: „…weil ihre Kultur so ist“. Narrative des antimuslimischen Rassismus

Shooman, Yasemin (2014): „…weil ihre Kultur so ist“. Narrative des antimuslimischen Rassismus. Bielefeld: Transcript Verlag. 260 Seiten,
ISBN 978-3-8376-2866-1

Sabrina Schmidt, Universität Erfurt

Antimuslimische Diskurse wirken tief in die Gesellschaften Deutschlands und Europas hinein, ihre Erscheinungsformen sind vielfältig. Als symbolische Ressourcen sind sie zu einem festen Bestandteil von Medienbildern, rechts-populistischen Losungen und zivilgesellschaft-lichen Dispositionen geworden. Yasemin Shoomans Buch „…weil ihre Kultur so ist“. Narrative des antimuslimischen Rassismus macht es sich zur Aufgabe, die Argumentationsmuster dieser Diskurse zu rekonstruieren und in ihrer Beschaffenheit zu analysieren. Ihr Ziel sei es, „eine Art ‚Topographie‘ der dominanten antimuslimischen Stereotype und Topoi abzubilden und zu ermitteln, inwiefern sich diese zu einem Narrativ bzw. mehreren Narrativen zusammensetzen“ (S. 16). Schon die elliptische Form des Titels verweist auf die unbedarfte Simplizität und multiple Einsatzfähigkeit eben jener Begründungs- und Legitimationsweisen, die sich im Sprechen über den muslimischen Anderen schon fast zu einer lebensweltlichen, d.h. unbefragten Selbstverständlichkeit (im Sinne Alfred Schütz‘) manifestiert haben. Shooman fasst den antimuslimischen Rassismus als ein komplexes Geflecht, in dem verschiedene Klassifikationssysteme, neben Religion und Kultur auch Klasse und Geschlecht, ineinandergreifen. Dieser Rassismus basiert – ganz im Sinne der klassischen Rassismus-Definition nach Robert Miles – auf der Rassifizierung seiner Objekte, das heißt der Festlegung und Kollektivierung einer tatsächlichen bzw. zugeschriebenen Religiosität als primordiale Eigenschaft und Verhaltensdeterminante.

In kleineren Fallstudien analysiert Shooman antimuslimische Diskurse in verschiedenen Öffentlichkeitformen (Massenmedien und Sachbücher, Weblogs und Kommentarbereiche von Online-Zeitungen, Zuschriften an muslimische bzw. türkische Verbände), wobei sie sich nicht nur für die inhaltlichen Strukturen, sondern auch für die Funktionslogik rassistischer Islamdiskurse interessiert. Vergleichend expliziert sie zudem argumentative Transfers und Verweise sowie Diskontinuitäten und Widersprüche innerhalb und zwischen den untersuchten Öffentlichkeitsformen. Ein besonderes Augenmerk legt die Autorin auf die historische und soziopolitische Kontextualisierung der untersuchten Wahrnehmungs- und Argumentationsmuster, die sie mit Michel Foucault und Rainer Keller als kollektive, dabei jedoch zeitlich flexible Wissensformationen versteht. Entsprechend erscheint der methodische Zugang über ein diskursanalytisches Verfahren insofern logisch, als es symbolische Dominanzverhältnisse und Sagbarkeitsgrenzen aufzudecken vermag, die sich in und durch Sprache manifestieren und in materielle Ausgrenzungspraxen übersetzt werden können. Nicht zuletzt gebe die Analyse von „Diskursverschränkungen“ Auskunft über das „intersektionale Zusammenwirken verschiedener Dimensionen der sozialen Ungleichheit – wie Rasse, Ethnizität, Kultur, Religion, Geschlecht oder auch Klasse“ (S. 20f.).

Die als Dissertationsschrift am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin vorgelegte Arbeit untergliedert sich in fünf Teile und ist in einem sehr ansprechenden, eingängigen Stil verfasst. Während die Autorin in der Einleitung erste grundlegende Begriffsbestimmungen zu den Analyseeinheiten Topos, Narrativ und Diskurs vornimmt sowie den Nutzen des diskursanalytischen Vorgehens erörtert, zeichnet sie im ersten Teil von Kapitel 2 die historischen Linien und diskursiven Transformationen des antimuslimischen Rassismus mit Fokus auf Deutschland und Europa nach. Shooman zeigt auf, dass die Markierung von Musliminnen und Muslimen als gesellschaftlich und kulturell nicht zugehörig – diskursive Grenzziehungen wie sie sich etwa in politischen Leitkulturdebatten beobachten ließen – auf tradierten und zum Teil bereits im Mittelalter kolportierten Feindbildern beruhen. Darüber hinaus arbeitet die Autorin Brüche und Verschiebungen in der symbolischen Konstruktion muslimischen Fremdseins heraus. Während Muslime in Europa etwa zu Zeiten der Kreuzzüge noch als „militärische Gegner“ und „Kontrahenten“ stereotypisiert worden seien, hätten der europäische Kolonialismus und dessen diskursive Legitimationspraxis, der Orientalismus (Edward Said), für eine Exotisierung und Inferiorisierung des „Orients“ gesorgt (S. 43ff.): Haremsphantasien und die Vorstellung von zivilisatorischer Rückständigkeit seien hierbei von Bedeutung. Später hätten neben postkolonialen Migrationsbewegungen auch Anwerbeabkommen die europäische Wahrnehmung verschoben. Aus dem „äußeren Feind“ sei der „Andere im Innern“ geworden (S. 40f.). Shooman argumentiert überzeugend, dass die Funktion dieser Fremdmarkierung dabei zu jeder Zeit in der spiegelbildlichen Festschreibung einer eigenen kollektiven Identität bestand, deren Zweck es auch gewesen sei, Differenzen innerhalb der Eigengruppe auszublenden.

Der zweite Teil des Kapitels stellt eine theoretische Einordnung des antimuslimischen Rassismus im Feld der Rassismusforschung unter besonderer Berücksichtigung der Dimensionen Kultur, Ethnizität, Religion, Geschlecht und Klasse dar. Aufschlussreich ist dabei die Beobachtung Shoomans, dass in der Fremdmarkierung von Muslimen zunehmend deren (zugeschriebene) religiöse bzw. kulturelle Identität als dominantes Differenzkriterium symbolisch aufgeladen wurde – anders als Mitte des 20. Jahrhunderts, als man Muslime in Deutschland entlang der Kategorien Ethnizität und Nationalität noch als „Gastarbeiter“ und „Türken“ bezeichnete. Unter Berücksichtigung etablierter Rassismustheorien verdeutlicht Shooman, dass sich im antimuslimischen Rassismus Versatzstücke des biologistischen Rassismus‘ – etwa im Kontext des racial profiling, bei dem versucht werde, Muslime anhand ihres Aussehens zu klassifizieren (S. 65) – mit neorassistischen Diskursen verzahnen. Diese warnten vor dem Werteverlust im „Westen“ durch die Ausbreitung „fremder“ Kulturen, vor allem der islamischen, die als inkompatibel und minderwertig markiert wird. Neben den Dimensionen Kultur, Religion und Ethnizität sind im anti-muslimischen Rassismus aber auch Vorstellungen von Muslimen als Angehörige minderer sozialer Schichten eingeflochten, so wenn Muslime mit Thilo Sarrazin als Belastung für das deutsche Sozialsystem präsentiert würden (S. 75). Die Autorin bewertet diese „Klassen“-Referenz als Ausgrenzungsstrategie, mittels derer materielle und symbolische Teilhabemöglichkeiten von Muslimen beschnitten würden.

Kapitel 3 umfasst die erste von mehreren empirischen Teilstudien der Arbeit. Diese setzt sich mit Geschlechterbildern im Kontext rassistischer Islamdiskurse auseinander, wobei neben eigenen Topoi (etwa von der „gefährlichen Muslimin“) auch die Rolle islamkritischer muslimischer Sprecherinnen als vermeintlich „authentische Stimmen“ von Shooman herausgearbeitet werden. Auf Basis einer empirischen Analyse von journalistischen Beiträgen und Magazincovern, politischen Werbeplakaten und Karikaturen zeigt sie auf, dass sich in der Ikonographie der muslimischen Frau stets dieselben visuellen Stereotype vorfinden lassen: die Unterdrückte, Rechtlose, deren inhumane Behandlung durch gewaltaffine Männer vom Islam legitimiert sei. Die Verknüpfung von sexistisch motivierter Gewalt und Islam erfülle laut Shooman verschiedene Funktionen, so etwa die Dichotomisierung von „westlicher“ und „islamischer“ Kultur, aber auch das Ausblenden von Gewalt gegen Frauen und die Geschlechterungleichheit in nicht-muslimischen Gesellschaften (S. 86f.).

Kapitel 4 und 5 wenden sich fallstudienartig den Islamdiskursen innerhalb dreier unterschiedlicher öffentlicher Räume zu: Zum einen der massenmedialen Rezeption der ersten Islamkonferenz durch FAZ und DIE WELT; zum anderen den Netzdiskursen auf islamfeindlichen Internetseiten und Weblogs wie „politically incorrect“ oder „jihadwatch.org“ sowie drittens Verbandszuschriften als Form nicht-öffentlicher Kommunikation. Während sich die theoretisch herausgearbeiteten Spezifika des antimuslimischen Rassismus teilweise in der Berichterstattung etablierter Medien wiederfinden lassen – etwa in der Anwendung binärer Klassifikationssysteme à la „Wir-vs.-Sie“ und der daraus folgenden Festschreibung der Muslime als ewig „Andere“ (S. 139), beobachtet die Autorin im weitestgehend anonymen Diskurraum Internet eine Enthemmung und ideologische Verfestigung des Negativbildes Islam. Verschwörungstheorien und Bedrohungsszenarien über die vermeintliche Unterwanderung Europas durch den Islam („Islamisierungs“-Topos), offene Beleidigungen von muslimischen Vertretern und Politikern sowie (erfolgreiche) Versuche, sich auch außerhalb des Internets zu vernetzen und zu mobilisieren, seien hierfür charakteristisch. Shooman stellt fest, dass sich ein ähnlich radikaler, dafür jedoch überwiegend mit den Klarnamen der Absenderinnen und Absender operierender Diskurs in den Zuschriften an muslimische bzw. türkische Verbände nachweisen lässt. So sei das in den Briefen zum Ausdruck kommende Alltagswissen über den Islam u.a. geprägt von negativen Pauschalurteilen über Muslime und dem Selbstverständnis der Schreibenden, sich im Sinne der deutschen Mehrheitsmeinung zu artikulieren (S. 216). Shooman interpretiert dies mit Verweis auf die Sprechakttheorie plausibel als Akte symbolischer Gewalt.

Mit ihrer detailgenauen Zusammenschau dominanter Argumentationstopoi antimuslimischer Diskurse stellt die Arbeit gerade für Einsteiger in die Gegenstandsbereiche Rassismus und Islamfeindlichkeit eine empfehlenswerte Lektüre dar. Positiv herauszuheben ist die Anschaulichkeit und Stringenz der Analyse einzelner Diskursmuster und ihrer historischen Transformationen, die die Autorin durch eine dichte Verzahnung von theoretischen Überlegungen und empirischer Beweisführung erreicht. Kennern des Feldes wird die ein oder andere Erkenntnis, etwa dass sich antimuslimische Diskurse in den etablierten Massenmedien nicht erst mit den Ereignissen um 9/11 formiert haben oder dass die medialen Repräsentationen muslimischer Frauen mit Deutungsangeboten rund um Rechtlosigkeit und Gewalterfahrung operieren, nicht neu sein. Zudem wären Fallstudien etwa zu Muslim(a)-Bildern in popkulturellen Formaten wie Kinofilmen und TV-Serien, aber auch im Rahmen von Satire und Comedy oder Kinder- und Jugendliteratur im Vergleich zu einer bereits mehrfach wissenschaftlich verarbeiteten Zeitschriftencover-Analyse innovativ und für den bewanderten Leser aufschlussreich gewesen.

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