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Rezension: Journalistinnen. Eine Geschichte in Biographien und Texten. 1848-1990

Klaus, Elisabeth; Wischermann, Ulla (2013): Journalistinnen. Eine Geschichte in Biographien und Texten. 1848-1990. Journalismus: Theorie und Praxis, Bd. 18. Lit-Verlag. 384 Seiten. ISBN: 978-3-643-50416-6

Christine Horz, Universität Erfurt

Die beiden Autorinnen Elisabeth Klaus und Ulla Wischermann, ausgewiesene Expertinnen auf dem Feld der kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung, legen mit „Journalistinnen“ einen kompakten und sehr informativen Band zum Leben und beruflichen Wirken von Print-Journalistinnen im deutschsprachigen Raum (Deutschland und Österreich) der vergangenen 150 Jahre vor. Das Buch richtet sich „als ein Lese- und Arbeitsbuch […] zum Schmökern und Querlesen, auch zum Nachschlagen“ (9) an alle, die sich für Journalismus und Publizistik und insbesondere für deren Akteurinnen interessieren. Der Band ist klar gegliedert und orientiert sich in acht Kapiteln entlang historischer Phasen, die sowohl die Frauen im Journalismus beeinflussten wie auch die portraitierten Frauen den Journalismus der jeweiligen Epoche mitprägten.
Erstaunlicherweise gibt es bislang keine derartige „Berufs- und Sozialgeschichte von Journalistinnen im deutschsprachigen Raum“ (9) (sieht man von Ulla Wischermanns Band „Frauenpublizistik und Journalismus“, [1998, vergr.], ab, der die Phase vom Vormärz bis 1848 umfasst). „Journalistinnen“ schließt also diese Lücke und leistet folglich einen wichtigen Beitrag zur deutschsprachigen Publizistik- und Mediengeschichte.

Mit der Einleitung liefern Klaus und Wischermann einen informativen Rahmen für die sich anschließenden Portraits in den verschiedenen Epochen. Noch in den 1920er Jahre bestand demnach ein dezidiertes Bewusstsein über die Frauenjournalistik, die – was fast in einem Nebensatz untergeht – zu jener Zeit u.a. eine politische Frauenpresse, Tageszeitungen und Frauenbeilagen umfasste. Nimmt man Studien über die (prägende und in einiger Hinsicht kritikwürdige) feministische Zeitschrift „Emma“ heraus, bestehen gegenwärtig große Wissenslücken hinsichtlich der journalistischen Arbeit von Frauen. Die Autorinnen führen die weiterhin bestehenden Ungleichheitsverhältnisse und Diskriminierungen im Journalismus auf diese Wissenslücken zurück, die die Kommunikatorforschung und Studien zur Berufsgeschichte bislang nicht beseitigt haben – denn noch immer nimmt die Forschung ganz überwiegend den männlichen Journalisten in den Blick, wie Klaus und Wischermann nachweisen – wohl weil ihm eher die Rolle als Welterklärer zugetraut wurde (und wird). Die kommunikationswissenschaftlichen Gender Studies, und damit auch der Band „Journalistinnen“, belegen eindrucksvoll, dass Frauen zu allen Zeiten in den Medien agiert und diesen ihren „Stempel mit aufgedrückt“ (11) haben.

Die Epochen zwischen 1848 bis 1990 zeichnen sich durch politische, soziale und mediale Umbrüche aus, die jeweils auch die Voraussetzung für Frauen im Journalismus veränderten. Die Autorinnen fokussieren in ihrer Berufsgeschichte und den Biographien der Journalistinnen demzufolge auf drei Dimensionen: „….die historisch-gesellschaftlichen Entwicklungen, […] den journalistischen und medialen Wandel […]“ sowie die „Veränderung der […] geschlechtsgebundenen Handlungsräume und Rollenerwartungen“ (13). Jedem Kapitel bzw. jeder Epoche geht entsprechend eine kurze Einordnung dieser Dimensionen voran, so dass der/die Leser/in sich gut in den Zeitgeist der jeweiligen Epoche, ihrer Journalismus- und Genderspezifik, hineindenken kann. Auf diese Kontextualisierungen folgen jeweils Biographien von vier bis fünf Journalistinnen /Publizistinnen, die mit Auszügen aus Originaltexten auch selbst zu Wort kommen. Die historische Einordnung zu Beginn eines jeden Kapitels erweist sich als segensreich, beziehen sich die Originaltexte doch häufig auf aktuelle politische Entwicklungen wie Kriegsvorbereitungen, zeittypische Bedingungen wie die staatliche Pressezensur oder die bürgerlich-moralische Pflicht einer jeden Frau, zu heiraten.

Das erste Kapitel beginnt begründet mit dem Jahr der bürgerlichen Revolution von 1848, weil die erstmals festgeschriebenen bürgerlichen Freiheitsrechte einen „grundlegenden gesellschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Wandel“ einleiteten (12). Auf Frauen wie Louise Dittmar (1807-1884) oder Louise Otto (1819-1895) wirkten diese Freiheitsrechte wie ein Signal, den „Aufbruch in die politische Öffentlichkeit“ (21) zu wagen sowie politisch-revolutionäre Ideen im Privatraum zu tradieren.

Das zweite Kapitel beschreibt „Stillstand und Aufbruch“ nach der 1848er Revolution (63), deren Niederschlagung zur Verfolgung und Ausweisung auch der Aktivistinnen geführt hatte. Die, die weiterhin publizistisch aktiv sein wollten, mussten das Verbot für Frauen, sich politisch zu betätigen, umgehen, etwa indem sie Bildungsvereine wie den ADF (Allgemeinen deutschen Frauenverein) gründeten (64). Beruflich tätig zu sein wie Lina Morgenstern (1830-1909) oder Hedwig Dohm (1831[33]-1919), die als Frau des Chefredakteurs der satirischen Zeitschrift Kladderadatsch selbst „satirisch gefärbte, äußerst scharfzüngige Streitschriften“ zu den herrschenden konservativen Geschlechterverhältnissen veröffentlichte (77/78), war für Frauen jener Zeit unüblich. Umso spannender ist es, in diesem Kapitel einige der Protagonistinnen kennenzulernen.

Das dritte Kapitel widmet sich der „Blütezeit der Frauenbewegung um 1900“ (103). Unter anderem wird hier die Journalistin Clara Zetkin (1857-1933) vorgestellt, die in den Geschichtsbüchern eher als sozialistische Aktivistin und spätere Reichstagsabgeordnete in Erscheinung tritt – und die im ideologischen Wettstreit des geteilten Deutschlands instrumentalisiert wurde. Umso verdienstvoller ist es, hier ihre journalistische Arbeit herauszustellen, die zwar nicht von ihrer politischen getrennt werden kann, die jedoch aus der kommunikationswissenschaftlichen Perspektive ihre weniger bekannte journalistische Tätigkeit würdigt.

Kapitel vier widmet sich der Phase des Ersten Weltkriegs und verortet die Journalistinnen jener Zeit zwischen „Kriegspropaganda und Friedensjournalismus“ (143). Tatsächlich überwog die Zahl der „Kriegsbefürworterinnen innerhalb der Frauenbewegung“ (144). Die wohl bekannteste publizierende Friedensaktivistin jener Zeit, die Klaus und Wischermann vorstellen, dürfte Bertha von Suttner (1843-1914) sein. Sie setzte sich jenseits differenztheoretischer Positionen dafür ein, Männer und Frauen gleichermaßen für die Friedensbewegung zu gewinnen (144 und 149f). Wie auch in allen anderen Kapiteln stellen die Autorinnen neben der gesellschaftspolitischen und der geschlechterspezifischen auch die mediale Entwicklung kurz und prägnant vor. So wird deutlich, dass das Anwachsen der Zeitungen vor dem 1. Weltkrieg auf 4.221 Titel mit der Militarisierung einherging. Gerade im Krieg war die Bevölkerung mehr denn je auf Medien angewiesen, was diese umso anfälliger für propagandistischen Missbrauch machte.

Das fünfte Kapitel behandelt die Zwischenkriegszeit (Weimarer Republik in Deutschland), die dahingehend die Freiheitsrechte der Frauen in Deutschland und Österreich stärkte, in dem das lange von der Frauenbewegung geforderte Wahlrecht der Frauen eingeführt wurde. Das Bild der „Neuen Frau“ – „Bubikopf, Anzug, Zigarette, lesbische Freundschaften und laszive Ausdrucksformen“ (183) bestimmte die mediale und kulturindustrielle Konstruktion der Frauen und spiegelte sich in der Tagespresse und in Zeitschriften wider. Allerdings ließen die Arbeitsbedingungen von Journalistinnen weiter zu wünschen übrig (185).

Kapitel sechs befasst sich mit der Zeit des Nationalsozialismus. Hier legte die Rassenideologie und die Gleichschaltung der Medien von vorherein fest, welche Frauen überhaupt für journalistische Tätigkeiten in Betracht kamen (die als „arisch“ bezeichneten). Etwa 1300 linke und jüdische Journalisten und Journalistinnen verloren aufgrund des „Schriftleitergesetzes“ von 1933 ihre Arbeit. Demnach durften nur jene arbeiten, die dem „Reichsverband der deutschen Presse“ angehörten. Die Aufnahme war jedoch an eine Prüfung der politischen und persönlichen Voraussetzungen gebunden (220).
Die Autorinnen schreiben, dass der Zusammenbruch des NS-Staates schnell klar machte, wie tief die Kluft zwischen den Journalistinnen war, die sich mit dem „Reich“ arrangiert hatten wie Ursula von Kardoff (1911-1988) und jenen die aktiv dagegen angekämpft hatten und ins Exil gehen mussten wie Erika Mann (1905-1969).

Das siebte Kapitel behandelt die „Nachkriegszeit und die ‚langen 1950er Jahre’“ (257). Geprägt ist diese Zeit von der Re-Education der Bevölkerung, wobei die Gestaltung des Mediensystems durch die Siegermächte ein bedeutende Rolle spielte (260). Eingeleitet wird das Kapitel mit dem Portrait der renommierten Journalistin und langjährigen Zeit -Herausgeberin Marion Dönhoff (1909-2002), beendet wird es mit Ulrike Meinhof (1943-1976). Dazwischen werden noch eine weitere bundesdeutsche und eine österreichische Journalistin vorgestellt. Was diesem Kapitel jedoch fehlt, ist ein Blick auf die Journalistinnen des zweiten Deutschlands, der DDR. Es wäre sehr spannend gewesen, zu erfahren wie sich die Arbeit der Journalistinnen in beiden deutschen Staaten entwickelte, welche system- und gesellschaftsbedingten Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten es gab.

Im achten Kapitel weichen die Autorinnen von dem bewährten Schema der Journalistinnen-Biographie ab und stellen stattdessen prägende Titel der Frauenpresse wie AUF (1974-2011) oder Emma (seit 1977) der 1970er bis heute vor. Interessant ist, wie klein der Markt im deutschsprachigen Raum im internationalen Vergleich ist. Bedeutet das, dass die Gleichstellungspolitik (im Medienbereich) so weit fortgeschritten ist, dass es keiner Frauenpresse mehr bedarf? Wenn dies nicht der Fall ist – wie die Autorinnen belegen – was sind dann die Gründe, dass es beispielsweise im deutschsprachigen Raum keine Frauenpresseagenturen und keine Frauen-Tagespresse gibt?

Abschließend ziehen die Autorinnen auf etwa 20 Seiten ein Fazit, das sie „Bausteine einer Berufsgeschichte von Journalistinnen“ überschreiben (349). Hier umreißen sie, was die Einzelportraits an Differenzierungsmöglichkeiten offenlegen. Dazu gehören neben der Einbeziehung von Herkunft und Bildung der Journalistinnen auch das berufliche Selbstverständnis sowie die Rückwirkungen der Frauenbewegungen auf Medien und Journalismus. Das Resümee bietet weitere spannende Detailinformationen wie diese, dass die WDR-Frauengruppe den Anstoß zu einer Studie zur Situation der Journalistinnen und damit auch zur Kommunikatorinnenforschung gab.
Auf der Basis dieses Buches bietet sich ein internationaler Vergleich an, der sicher weitere überraschende Details zu Journalistinnen in unterschiedlichen Ländern und Zeiten zutage fördern dürfte. So hat beispielsweise die Frauenjournalistik im Iran (jeweils abhängig von der politischen Lage im Land) eine lange Tradition, wozu auch heute Frauen-Nachrichtenagenturen und feministische Tageszeitungen gehören.
Ein Medien- sowie ein Personenindex runden den Band ab und unterstreichen seine Zugänglichkeit und Lesbarkeit. Insgesamt bietet das Buch einen sehr informativen Einblick in Biographien, Berufsverständnis und die „Schreibe“ einzelner Journalistinnen – kann aber auch als zeithistorischer Überblick gelesen werden, der durch die Journalistinnen-Portraits personalisiert und dadurch sinnlich erfahrbar wird.

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