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Rezension: Kairo. Offene Stadt: Neue Bilder einer andauernden Revolution

Ebner, Florian / Wicke, Constanze (Hrsg.) (2013): Kairo. Offene Stadt: Neue Bilder einer andauernden Revolution. Leipzig: Spector Books, 230 Seiten, ISBN: 978-3-940064-70-7

Felix Koltermann (Link: www.fotografieundkonflikt.blogspot.com)
Universität Erfurt

Auch drei Jahre nach den Massenprotesten in Kairo, dem Sturz von Präsident Mubarak und dem Zusammenbruch seines Regimes steht der Tahrir-Platz als Symbol für den Protest der ägyptischen Bevölkerung und ihrer bis heute unvollendeten Revolution. Dies zeigt sich auch auf dem Buchmarkt, wo eine ganze Reihe von Publikationen zu finden sind, die aus künstlerischer, literarischer oder wissenschaftlicher Perspektive die Ereignisse auf und um den Platz sowie seine symbolischen Bedeutungen zum Ausgangspunkt nehmen. Dies ist auch das Thema des von Florian Ebner und Constanze Wicke herausgegebenen Bandes „Kairo. Offene Stadt“ der im Nachgang der gleichnamigen Ausstellung, die im Jahr 2013 im Museum Folkwang in Essen sowie an verschiedenen anderen Stationen in Deutschland zu sehen war, erschienen ist. Der Band ist konsequent dreisprachig in Arabisch, Deutsch und Englisch gehalten. Der Textteil (S. 35 – 80) und die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten werden zu Beginn und zum Ende des Buches von Bildergalerien gerahmt. Dort finden sich unter anderem historische Fotografien, Bilder aus Galerien des Online-Portals Flickr, lokaler Medienkollektive und Bürgerjournalisten sowie professioneller ägyptischer und internationaler Fotografen. Sofort ist man dank dieser Bilder inmitten des Geschehens. Eine inhaltliche Einordnung findet in drei längeren Texten der Herausgeber sowie des Dokumentarfilmers Philip Rizk und der ägyptischen Künstlerin Lara Baladi statt. Ergänzt werden diese eher wissenschaftlich-essayistischen Texte durch Interviews mit Aktivisten und eine Vorstellung verschiedener in Ägypten aktiver Medienkollektive (S. 141 – 208).

Mit ihrem Einleitungstext skizzieren die Herausgeber ihren Weg von einem ursprünglich rein empathischen Zugang zu den Ereignissen in Kairo zu einem empirischen Sammeln visueller Zeugnisse. Demnach waren sie von der Frage umgetrieben, ob „sich im Arabischen Frühling die demokratische Dimension, welche der digitalen Kultur eingeschrieben zu sein scheint“ (S. 47), konkretisiert. Die massenhafte Verbreitung visueller Zeugnisse auf Youtube, Flickr oder Facebook ermöglichte es ihnen, „eine Art typologischen Querschnitt durch die Bildproduktion der Revolution zu liefern“ (S. 48) und dem Vergleich und der Interpretation durch den Leser zur Verfügung zu stellen. Dabei sind sie, trotz einer kritischen Einordnung der Bildkultur des Web 2.0, optimistisch gegenüber deren sich in Ägypten konkretisierenden Potentials, Empathie erzeugen zu können und damit die „zu einem rhetorischen Muster verkommene(n) Kritik Sontags an der Fotografie“ (S. 51) zu revidieren.

Einen radikal anderen Zugang zum Thema wählt der in Ägypten lebende und arbeitende Dokumentarfilmer Philip Rizk. Er spricht in seinem in Form eines Briefs geschriebenen Text den Leser direkt an und fragt, welche Rolle dieser bei der Konstruktion der Bedeutung und der Einordnung der Ereignisse in Ägypten spielt und versucht die Logik des Betrachtens offenzulegen. Rizk warnt vor einer Überglorifizierung der Proteste und kritisiert die damit verbundene Reduzierung der Proteste auf eine internetaffine, gebildete Mittelschicht und damit den Teil der Bevölkerung, der dem westlichen Medienkonsumenten am nächsten steht und vertraut erscheint (S. 61). Während er in den Aufständen von 1968, als dem zentralen Referenzpunkt Europas für Widerstand und Aufruhr, eine organisierte und intellektuell begleitete Revolution sieht, bezeichnet er die Geschehnisse in Ägypten im Jahr 2011 als einen „Aufstand aus Unzufriedenheit mit der politischen Realität unter neokolonialen Bedingungen“ (S. 63). Damit trägt er dazu bei, das Projekt „Kairo. Offene Stadt“ als einen kritischen diskursiven Raum zu begreifen und positiv von revolutionärer Lobhudelei abzuheben.

In ihrem Essay „Wenn sehen heißt dazuzugehören: Die Bilder vom Tahrir-Platz“ setzt sich die ägyptische Künstlerin Lara Baladi mit dem Verhältnis visueller Konfliktdarstellung und den Ereignissen in Ägypten auseinander. Den Bürgerjournalismus, wie er sich bei den Bildern der Menschen vom Tahrir-Platz in Reinform zeigte, leitet Lara Baladi von 9/11 ab, als dem „erste(n) historische(n) Großereignis des einundzwanzigsten Jahrhunderts, das von hunderten Menschen mit Digitalkameras“ (S. 75) dokumentiert wurde. Durch die Digitalisierung der Fotografie und Social Media sieht sie einen Durchbruch in der Demokratisierung der Fotografie. Gleichzeitig zeige sich die Fotografie in der Revolution als radikal „politische Handlung“ (S. 77) und breche so mit der Bildkontrolle des Mubarak-Regimes. Trotzdem verneint sie nicht die mit der Bilderflut verbundenen Risiken und mahnt ihn Anlehnung an Villem Flussers Essay über die Fotografie: „Bilder werden in rasanter Geschwindigkeit verbreitet und anschließend mit fehlender Distanz gedeutet“ (S. 78).

Welche schier unermesslichen Möglichkeiten es bei der bildnerischen, hauptsächlich fotografisch und filmischen Auseinandersetzung mit der Revolution in Ägypten gibt, zeigen die im Band abgedruckten Arbeiten. Heba Farids Sammlung historischer Bilder zeigt anschaulich die Geschichte der Repression im Ägypten des 20. Jahrhunderts. Die Bilder der Fotojournalisten der privaten ägyptischen Tageszeitung Al-Shorouk dagegen nehmen den Betrachter mit in den Alltag der Revolution und des Protests. Noch zu Zeiten des Bilderverbots des Mubarak-Regimes fotografierte Eva Bertram Kontrolltürme im Großraum von Kairo aus dem Auto heraus und fasste sie in der Serie „High Seats“ zusammen. Denis Dailleux setzt in „Memories of a Revolution“ durch Porträts von Angehörigen der Märtyrer der Revolution den Toten des Aufstands ein visuelles Denkmal. Die aufgrund der Ausgangssperre nach dem Sturz Mubaraks menschenleeren Straßen in Downtown Kairo filmte der Künstler Kaya Behkalam und versah diese mit Audiokommentaren von Menschen die über ihre Ängste reden.

Aber nicht nur der fotografischen und künstlerischen Auseinandersetzung wird im Katalog Raum gegeben. Auch die mediale Darstellung der Ereignisse in Ägypten wird begleitet und dokumentiert. Einfach, aber sehr aussagekräftig ist die Gegenüberstellung der Titelseiten nationaler und internationaler Tageszeitungen zu bestimmten Ereignissen der Revolution an der sich die unterschiedlichen Bildkulturen der Presse exemplarisch zeigen. Von großer Nähe zu den Ereignissen zeugen die von Alex Nunns zwischen 2011 und 2013 gesammelten Twitternachrichten. Aneinander gereiht ermöglichen sie quasi eine Live-Nacherzählung der Ereignisse im Sekundentakt.

Die Herausgeber Florian Ebner und Constanze Wicke wurden bei dem Projekt immer wieder von der Aktualität der Ereignisse und aktuellen Entwicklungen in Ägypten überrollt. So stellt die eigentliche Publikation die Ereignisse bis Juni 2013 dar. Ein Einleger versammelt darüber hinaus noch einmal Material das vom Juli und August 2013 nach dem Sturz Mursis stammt und die zunehmende Polarisierung in der ägyptischen Gesellschaft darstellt. Auch dies ist angesichts der aktuellen politischen Situation schon wieder überholt. Aber so bleibt Projekten wie diesem nichts anderes als an einem bestimmten Punkt einen willkürlichen Schnitt zu setzen.

Wer die Ausstellung in Berlin, Braunschweig, Essen oder Hamburg gesehen hat, der weiß wie vielschichtig und angesichts der Fülle der Bilder zum Teil überfordernd schon die Präsentation an der Wand und im Raum war. Dies in einer linearen Abfolge in einem Buch umzusetzen, ist ungemein schwieriger. Filme und Videos verkommen zu Stills, der Sound und damit der emotionale Zugang fehlen. Trotz allem ist „Kairo. Offene Stadt“ ein wunderbares Dokument der Zeitgeschichte und ein fast unerschöpfliches Archiv für diejenigen, die das Buch zum Ausgangspunkt weiterer Recherchen sowohl zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit den revolutionären Umbrüchen in Ägypten als auch zur Recherche über die visuelle Kultur, die sich um diese herum entwickelt hat, nehmen wollen. „Kairo. Offene Stadt“ ist radikal politisch und nah dran an den Geschehnissen der Revolution, ohne dabei in Revolutionseuphorie zu verfallen. Dabei ist zu hoffen, dass der Leser beim Betrachten eine ähnliche Erkenntnis gewinnt wie Florian Ebner und Constanze Wicke, die darin besteht, dass „die Repräsentation nicht wichtiger ist als die Realität, dass die Bilder auch den Blick auf das verstellen können, worauf sie eigentlich verweisen“ (S. 47).

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