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Review: Transnational Protests and the Media

Cottle, Simon/ Lester, Libby (eds.) (2011): Transnational Protests and the Media. New York et al.: Peter Lang. 352 Seiten, ISBN 978-1-4331-0985-0.

Review von Carola Richter

Der Band, herausgegeben von Simon Cottle von der University of Cardiff und Libby Lester von der australischen University of Tasmania, ist 2011 erschienen, mitten in einer Zeit, als sich der „Arabische Frühling“ in seiner Blütezeit befand und sich die Occupy-Bewegung gerade formierte. Auch wenn der Band diese Entwicklungen nicht vorhersehen konnte und auch nur in einem Nachwort streifen kann, so scheint das Grundargument exakt den Nerv der Zeit zu treffen: Cottle spannt einen analytischen Rahmen auf, in dem er konstatiert, dass die heutige „Medienökologie“ eine Transnationalisierung von Protestbewegungen viel schneller ermögliche und deshalb Protest-Medien-Relationen viel stärker in einem transnationalen Kontext betrachtet werden müssten (S. 18). Im Wesentlichen wird damit auf den dezentralen und transnationalen Charakter des Internets abgezielt. Gleichzeitig hätte sich der traditionelle Ansatz, wie wir ihn aus der Forschung zu sozialen Bewegungen kennen, zur Analyse von Protestbewegungen überholt, da Medien mittlerweile selbst eine Gelegenheitsstruktur und Ressourcen darstellen und nicht mehr nur Instrumente der Akteure sind (S. 20). Während die erste These ein häufig gehörtes Wunschdenken reflektiert, ist letzterem Argument durchaus zuzustimmen, allerdings ohne die Technologie-Fokussierung einiger AutorInnen des Bandes mitzutragen. Denn die Nutzung und der Zugang zur „Ressource“ Internet ist nach wie vor abhängig von nationalen Systemvariablen, und auch mediale Gelegenheitsstrukturen bilden sich nicht getrennt von politischen und ökonomischen Voraussetzungen heraus, wie allein die prominenten Beispiele China, Iran oder Kuba deutlich machen.

Die HerausgeberInnen versammeln neben den eigenen rahmenden Beiträgen, 17 eher kürzere Artikel zu verschiedenen Case Studies, die sie in vier Teile aufteilen, die wiederum typische Handlungsfelder von Protestbewegungen reflektieren, die nicht nur auf ein Land beschränkt sind: Proteste gegen Krieg/ für Frieden; Proteste im Kontext von Wirtschaft und Handel; Umwelt und Klima sowie Menschen- und Bürgerrechte. Die Ansätze und auch die Qualität der Beiträge ist dabei – wie so häufig bei Sammelbänden – sehr unterschiedlich. Die AutorInnen sind größtenteils aus Großbritannien, Australien oder Nordamerika, was in gewisser Weise eine Lokalisierung des Transnationalen in der westlichen, englisch-sprachigen Hemisphäre zur Folge hat.

Wenn man die These des Herausgebers ernst nimmt, dann gilt es eigentlich, zu untersuchen, wie bestimmte Veränderungen der medialen Infrastruktur und konkrete Strategien von Protestbewegungen zu ihrer Transnationalisierung führen. Interessant wäre dabei zu sehen, ob und wie sich diese prognostizierte Transnationalisierung auch über die Grenzen autoritärer Politik, sprachlicher Disparität und Bildungsgefälle manifestiert. Dies nehmen aber nur wenige AutorInnen tatsächlich in den Blick und rahmen ihre Überlegungen auch eher essayistisch als mit konkretem empirischen Material wie David Archibald, der sich mit der „democratization of image-making technologies“ (S. 138) beschäftigt oder Kevin DeLuca et al., die eine Verschiebung von der „publics sphere“ hin zu „public screens“ (S. 143f.) diagnostizieren. Bei beiden Autoren scheint aber die Technik-Gläubigkeit zu überhöht. Einen (auch methodisch) interessanten Einblick in die tatsächliche Vernetzung von Online-Protesten bieten James Stanyer und Scott Davidson. Sie zeigen anhand von Burma und Simbabwe auf, wie Menschenrechtsverletzungen online dokumentiert werden und zu Protesten mobilisiert wird. Dabei stehen zumeist lokale, indigene Informationsplattformen im Zentrum, die innerhalb des Landes verlinkt sind und über die großen international operierenden Organisationen wie Amnesty transnational bekannt werden. Hier manifestiert sich in der Tat ein transnationale Protestkultur, die allerdings nichts gar nicht „leaderless“ ist (S. 87), sondern eher über etablierte Institutionen verläuft.

Etliche andere Studien widmen sich einem klassischen Zugang und zeigen anhand konkreter (inhaltsanalytischer) Untersuchungen, wie Protestgruppen, die sich Inhalten annehmen, die von inter- oder transnationaler Bedeutung sind (wie bspw. der Irak-Krieg 2003), ihre Frames und Interpretationen in den nationalen Öffentlichkeiten durchsetzen können. Die Ergebnisse sind mit Blick auf Cottles These eher desillusionierend, denn häufig scheinen Protestgruppen gegenüber den Eliten weiterhin marginalisiert zu sein. So zeigt Adam Bowers anhand der G20-Proteste 2009 in London auf, dass eher klassische Nachrichtenfaktoren wie die Etablierung der NGOs und die Prominenz der Unterstützer der Proteste zu stärkerer Sichtbarkeit in den Massenmedien führen. Neil Gavin und Tom Marshall sekundieren mit einer Studie zur Berichterstattung britischer Medien über die Klima-Gipfel-Proteste in Kopenhagen 2009. Auch hier ist der Tenor: die Protestierer haben ihre Botschaft eigentlich nicht wirklich rüberbringen können, trotz der Bespielung des Internets. Aber Craig Murray et al. konstatieren in den britischen Pressediskursen zum Irak-Krieg auch, dass eine „legitimate controversy“ (S. 70) dank der über das Internet stärker sichtbaren Protestbewegungen gegen den Krieg durch die Mainstream-Presse zugestanden wird. Stephen Reese verortet in seinem Beitrag dieses Zugeständnis in einer größeren Legitimation der Protestbewegung durch eine gefühlte und reale transnationale Vergemeinschaftung, deren Überzeugungsmacht sich auch die politischen Eliten nicht immer entziehen können (und wollen – siehe z.B. die Regierung Schröder zum Irak-Krieg).

Allerdings wird in vielen Beiträgen klar: es sind konkrete Ereignisse wie ein G8- oder Klima-Gipfel, bei denen Protestbewegungen öffentlich sichtbar werden und zu denen sie auch besser mobilisieren können. Meist haben sich Protestrituale etabliert, die im jeweiligen Kontext abgerufen und verhandelt werden, genauso wie Rituale der Berichterstattung, die zu einer erhöhten medialen Aufmerksamkeit Protesten gegenüber führen. Aber dabei spielt der transnationale Kontext nicht wirklich eine Rolle – zumindest kann dies keiner der Beiträge überzeugend darlegen. Vielmehr etablieren sich neue Protestbewegungen, die Andrew Rojecki als kaum ideologisierte, anpassungsfähige und tolerante „Leaderless Crowds“ (S. 87) kennzeichnet – eine Diagnose, die quasi auf dem Castell’schen flachen Netzwerk-Modell basiert. In der Tat scheint dies auch ein Modell zu sein, was transnational am ehesten anschlussfähig, exportierbar und analytisch mit dem Internet in Verbindung zu bringen ist. Allerdings bleibt fraglich, wie durchsetzungsfähig und nachhaltig diese Form der Protestbewegung ist.

Die wenigen Beiträge, die sich – vor allem mit Bezug auf das Thema „Menschenrechte“ – mit Beispielen des Protests zu nicht-westlichen Ländern beschäftigen, wie zu Tibet, der Grünen Bewegung in Iran, „Resistanbul“ oder den Olympischen Spielen in Peking, zeigen denn auch, dass eine Bewegung, die sich über nationale Grenzen hinweg bestimmter Themen annimmt, dann in der Öffentlichkeit diskursiv erfolgreicher ist, wenn sie eine klare ideologische Ausrichtung hat und die dabei genutzten Frames mit den makropolitischen und massenmedialen Frames der „Heimatregion“ gut kompatibel sind. Wenn es um Kampagnen gegen als „schurkisch“ vorgerahmte Regimes wie in Iran und China geht, dann lassen sich Proteste eher breit in westlichen Öffentlichkeiten legitimieren als beispielsweise zum Kampf gegen Neo-Liberalismus. Ana Adi und Andy Miah machen aber hier auch auf einen interessanten Punkt aufmerksam (S. 223): Auch und gerade die großen Medienkonzerne operieren zunehmend transnational, so dass deren Marktinteressen manchmal einer Übernahme kritischer Frames entgegenstehen könnten (siehe Yahoo und Google in China).

Insgesamt versammelt der Band ein interessantes Mosaik an theoretischen Ansätzen und Case Studies, das sich gut als Übersicht zu möglichen Zugängen zur Analyse der Zusammenhänge von mit transnationalen Themen beschäftigten Protestbewegungen und Medien nutzen lässt.

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