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Review: Jenseits vom „Kampf der Kulturen“. Imaginative Geographien des Eigenen und Anderen in arabischen Printmedien

Husseini de Araújo, Shadia (2011): Jenseits vom „Kampf der Kulturen“. Imaginative Geographien des Eigenen und Anderen in arabischen Printmedien. Bielefeld: Transcript-Verlag, Reihe Postcolonial Studies, 328 Seiten, ISBN 978-3-8376-1646-0.

Review von Christine Horz

Wo lässt sich „das Andere“ geografisch verorten? Und wie kommt man dieser Ortsbestimmung näher? Edward Saids Ausführungen zur Konstruktion des Orientbildes im Westen aus der postkolonialen Perspektive und Samuel Huntingtons zugespitzte These vom „Kampf der Kulturen“ haben sehr unterschiedliche aber grundlegende Diskurspositionen festgelegt: der Nahe Osten als Teil der islamischen Welt wird vom „Westen“ als der „Andere“ imaginiert. Die binäre Freund-Feind-Konstruktion, welche der These vom „Kampf der Kulturen“ zugrunde liegt, ist auch in deutschen Medien und der Berichterstattung über den Nahen Osten und die islamische Welt dominant, wie zahlreiche Studien belegen.

In ihrer Dissertationsschrift untersucht Husseini de Araújo die „andere“ Perspektive und fragt, welche Vorstellungen im Orient über den Westen als geografischer Raum vorherrschend sind. Dies arbeitet sie am Beispiel der Hauptmedienereignisse dreier pan-arabischer Zeitungen heraus.

Den theoretischen Ansatz der imaginativen Geografien hat die Autorin bei Edward Said entlehnt. Der Literaturwissenschaftler hat ausführlich dargelegt, dass Orientalismus als Diskurs dazu geführt hat, dass in der europäischen Gesellschaft der Orient als rückständiger Raum immer wieder neu erfunden wird – und sich der Okzident dadurch seinen identifikatorischen Rahmen erschafft, in dem er sich selbst als modern und fortschrittlich bezeichnet (15). Husseini de Araújo benennt die Massenmedien als zentrale Instanzen bei der Verfestigung dieser einfachen Welt- und Deutungsmuster (17).

Dem theoretischen Konzept der imaginativen Geografien widmet sich Husseini de Araújo im zweiten Kapitel, wobei sie zunächst diskurstheoretische Grundlagen reflektiert. Dabei bezieht sich die Autorin vor allem auf Foucault sowie Laclau und Mouffe (31f.). Verglichen mit seiner Bedeutung für die Studie fällt dieser Abschnitt allerdings etwas holzschnittartig aus. So fehlt jeglicher Verweis auf die „Interdiskursanalyse“ – ineinander verschränkte Diskursstränge –, die der Sprachwissenschaftler Jürgen Link im Anschluss an Foucault entwickelt hat und die – trotz einiger Schwächen – schon mehrfach in Zusammenhang der diskursiven Konstruktion des Orient- und Islambildes in den Medien erprobt wurde. Von besonderem Interesse ist in Links Konzept, dass Diskurse aus einem Ensemble diskursübergreifender Elemente bestehen, die das jeweils „Eigene“ und das „Fremde“ durch Mythen, Symbole, Metaphern und Analogien codieren. „Kollektivsymbole“ nehmen dabei eine diskursordnende Rolle ein, die insbesondere in Konfliktsituationen auftreten. Etwas kurz gedacht ist folglich Husseini de Araújos Definition der Diskursanalyse, die gerade nicht nur darauf zielt, „die Regeln und Regelhaftigkeiten aus dem Untersuchungsmaterial herauszuarbeiten, denen die sich dort manifestierenden Diskurse folgen.“ (37) Vielmehr will die Diskursanalyse die Regelhaftigkeit in ihren übergreifenden historischen und sozial-kulturellen Kontext re-integrieren. Eine Stärke Husseini de Araújos ist jedoch, dass sie die Probleme, die ihr Foucaults offene Konzeption bereiten, reflektiert und die diskurstheoretische Konzeption nach Laclau und Mouffe einbezieht, um den „diskursiven Prozess“ (41) herleiten zu können. Dieser Teil holt ein wenig weit aus, ohne wirklich Antworten geben zu können. Wesentlich konkreter wird es dann in dem Abschnitt, in welchem die Autorin auf die „Imaginativen Geografien als diskursive Konstruktionen“ eingeht (56f.). Auf der Grundlage von Saids Ansatz des Orientalismus fragt Husseini de Araújo nach der „dichotomen Konstruktion von Orient und Okzident“ und dem Bild des Westens in der islamischen Welt (71). Da es im „Orient“ kein der Orientalistik vergleichbares Studienfach der Okzidentalistik gibt, benennt sie einzelne Strömungen, die sowohl das Bild vom hegemonialen und kolonialen als auch vom fortschrittlichen Okzident geprägt haben (74). Und konkret fragt sie: wie tragen die Massenmedien zu diesen Diskursen bei und inwiefern stärken oder schwächen die massenmedialen Diskurse Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“? (76f.)

Das anschließende Methodenkapitel wirft einige Fragen auf, die zunächst das Sample betreffen. Die Autorin setzt dieses aus den Hauptnachrichten („Überschriftenanalyse“) sogenannter pan-arabischer Zeitungen zusammen, deren Hauptredaktionen allesamt in London sitzen. Es handelt sich um die der palästinensischen Sache verpflichtete Al-Quds al-Arabi sowie Al-Hayat und Asharq Alawsat. Wie Husseini de Araújo schreibt, werden die beiden zuletzt genannten von saudi-arabischen Geldgebern finanziert und herausgegeben und die Berichterstattung betrifft „in [g]roßem Maße Saudi-Arabien und seine Politik“ (102). Journalisten, die sich kritisch mit der Rolle Saudi-Arabiens in der Weltpolitik auseinandersetzen, haben es aufgrund der „Medienzensur“ schwer, dort ein Forum zu bekommen (103). Die pan-arabische Presse wird hauptsächlich von arabischen Eliten im In-und Ausland gelesen, wobei die ausgewählten Tageszeitungen zusammen eine vergleichsweise geringe Auflage von ca. 660.000 erreichen. Zudem nimmt Husseini de Araújo eine Verengung vor, in dem sie den Schwerpunkt auf die Tageszeitung Al-Hayat legt, sowie darin auf „meinungsbetonte Texte“ (105) im Zeitraum zwischen September 2001 bis März 2006.

Zwischen Theorie und Emprie schiebt Husseini de Araújo eine höchst interessante Reflexion über die Sprach- und Sinnübersetzung aus dem Arabischen ein, die auch kritische Anmerkungen zu „Übersetzungs-Dienstleistern“ enthält.

Im empirischen Teil arbeitet die Autorin nun Kategorien von „Signifikanten“ heraus, die „räumliche Identität konstruieren“ (143), wobei sie dabei zunächst keine besondere Bedeutung imaginativer Geografien in den transnationalen Zeitungen ausmacht. Husseini de Araújo nennt jedoch implizite Diskurse, wobei nicht klar wird, wie sich ihre Konzeption der Äquivalenz- Differenz- und anatgonistischen Beziehungen in Textelementen von einer klassischen Inhaltsanalyse abgrenzen lässt.

Das Verdienst der Autorin ist es, dass sie die Themenagenda in Zusammenhang der imaginativen Geografie des Westens anhand der pan-arabischen Zeitungen kategorisiert. So tritt der Westen in den betreffenden Artikeln als „islamo- und arabophob“, als „(neo)koloniale Macht“ sowie als „Vorbild“ auf, was die Autorin im weiteren anhand der Textstellen und Karikaturen erläutert (144). Eine interessante Beobachtung ist dabei, dass sich die Zeitungsartikel, die der ersten Kategorie angehören, sich mit Arabern und Muslimen solidarisieren, die im Westen unter islamophoben und rassistischen Stereotypisierungen leiden. Durch die Thematisierung dieser „Anderen im Westen“ tritt letztlich die Fragmentierung des Raumkonzepts „Westen“ deutlich zutage, so dass eindeutige Grenzlinien verwischt werden. Desweiteren kann die Autorin nachweisen, dass in den untersuchten pan-arabischen Tageszeitungen kaum das „Kampf-der-Kulturen“-Szenario reproduziert wird (166f.). Vielmehr verlaufen die großen Demarkationslinien nicht zwischen den Kulturen, sondern zwischen der islamischen Welt und den USA bzw. Israel. Beide werden vorwiegend negativ als (neo)imperiale und (neo)koloniale Weltmacht (im Niedergang) in den Haupttiteln der drei Zeitungen beschrieben (172f.). Die arabische Welt taucht demgegenüber, im Sinne des Postkolonialismus, vorwiegend als „Welt in der Krise“ auf. In Kapitel 4.5.1 ordnet die Autorin die Befunde grob in den größeren Kontext der Selbst- und Fremdverortung zwischen Anti(Post)kolonialisierung, Viktimisierung des Eigenen und Idealisierung des Anderen ein (247f.). Husseini de Araújos letztlich verdienstvolle Studie kann damit zeigen, dass pan-arabischen Tageszeitungen ein heterogenes und wandelbares Bild des Westens als geografischen Raum zeigen.

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