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Review: Mobilkommunikation in Japan: Zur kulturellen Infrastruktur der Handy-Aneignung

Peil, Corinna (2011): Mobilkommunikation in Japan.
Zur kulturellen Infrastruktur der Handy-Aneignung. Bielefeld: Transcript. 394 Seiten, ISBN: 978-3-8376-1776-4.

Review von Iren Schulz

Die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von digitalen Medien und insbesondere dem Mobiltelefon für den sozialen Alltag der Menschen und für unsere Gesellschaft ist aus dem aktuellen kommunikationswissenschaftlichen Diskurs nicht mehr wegzudenken. In den vergangenen Jahren sind unzählige theoretische und vor allem empirische Arbeiten erschienen, die sich unter anderem damit beschäftigen, welche Rolle einzelne Handyfunktionen in unterschiedlichen sozialen Kontexten und für verschiedene Personen- und Altersgruppen spielen, wie sich das Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit verändert oder auf welche Weise sich kulturelle Zusammenhänge wandeln. Das vorliegende Buch, das auf der Dissertationsschrift von Corinna Peil – wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft und Kommunikationskultur an der Leuphana Universität Lüneburg – beruht, hebt sich von diesen Publikationen auf besondere Weise ab und schließt gleichzeitig wesentliche Forschungslücken. Über die Aufarbeitung des derzeitigen Forschungsstandes zum Thema Mobilkommunikation entwickelt Corinna Peil am Beispiel Japans ein kulturorientiertes Kontextualisierungskonzept für Mobilkommunikation, das eine detaillierte Analyse dieser spezifischen mobilen Medienkultur beinhaltet und darüber hinaus einen Ausgangspunkt für ein tiefergehendes Verständnis mobiler Kommunikationspraktiken in anderen Medienkulturen bietet.

Das Buch ist in insgesamt sechs übersichtliche Kapitel gegliedert, wobei das einleitende Kapitel nicht nur Forschungsgegenstand und Zielstellungen des Buches umreißt, sondern auch darauf verweist, dass Japan als eine besondere, aber keineswegs absonderliche Medienkultur zu verstehen ist. Während das zweite Kapitel die historische und aktuelle Situation der Mobilkommunikation in Japan in den Blick nimmt, befasst sich das dritte Kapitel mit theoretischen Bezügen und zentralen Begrifflichkeiten im Spannungsfeld von Kultur, Kommunikation und Medien. Daran anknüpfend wird im vierten Kapitel ein kultur- und kontextorientiertes Analyseraster zur Erforschung der Mobilkommunikation entwickelt, das im fünften Kapitel am Beispiel Japans konkretisiert wird. Schließlich liefert das sechste Kapitel ein Resümee zur Analyse von Mobilkommunikation in spezifischen Medienkulturen.

Im ersten theoretischen Kapitel des Buches (Kapitel 2) wird die bereits in der Einleitung erwähnte Bedeutung Japans als eine hochgradig mediatisierte und medienaffine Kultur ausführlich erläutert. Entlang dem Begriff der „mobilen Medienavantgarde“ beschreibt die Autorin die Entstehungsgeschichte der japanischen Mobilkommunikation und skizziert die Grundzüge der Entwicklung mobiler Kommunikationstechnologien, deren Ursprünge unter anderem in Funkmeldeempfängern („Pager“) und mobilen Onlinediensten (z.B. i-mode) zu finden sind. Sowohl diese historische Perspektive, als auch die sich anschließenden Erläuterungen zur aktuellen Situation der Mobilkommunikation und den damit verbundenen Ausdifferenzierungen und Dynamiken lassen deutlich werden, dass technisch-ökonomische Entwicklungen nicht ohne die Analyse kultureller und gesellschaftlicher Kontexte zu verstehen sind, wobei die Aneignungspraktiken der Nutzerinnen und Nutzer im Mittelpunkt stehen.

Im Anschluss an diese deskriptiven Ausführungen zur Mobilkommunikation in Japan findet in den nächsten zwei Kapiteln (Kapitel 3 und Kapitel 4) eine theoretisch-analytische Auseinandersetzung mit der Etablierung mobiler Technologien und dem damit verbundenen Kommunikations- und Kulturwandel statt, die in die Entwicklung eines Analyserasters zur Erforschung von Medienkulturen mündet. In einem ersten Schritt wird die Arbeit zunächst in den Theorierahmen der Cultural Studies eingeordnet und die für die weitere Analyse zentralen Begriffe und Konzepte vorgestellt. Der Fokus liegt dabei auf der Definition und Reflexion des Zusammenspiels von Kultur, Kommunikation und Medien sowie den damit verbundenen, medienbezogenen Wandlungsprozessen. Hier gelingt es Corinna Peil einerseits herauszuarbeiten, dass sich (Medien-) Kommunikation und damit auch (Medien-) Kultur im Handeln der Menschen konstituieren und dort ihren Ausdruck finden. Andererseits nimmt die Autorin Impulse aus technikdeterministischen Ansätzen auf und argumentiert, dass Medien durchaus auch bestimmte Nutzungsweisen nahelegen und eine materielle Komponente beinhalten können: „Auf diese Weise kann der komplexe Prozess der gegenseitigen Einflussnahme von Medientechnologien und deren aktive Aneignung durch die Nutzerinnen und Nutzer untersucht werden, wobei dabei sowohl die die Aneignung beeinflussenden Faktoren als auch der medienbezogene Wandel von Kommunikation Berücksichtigung finden.“ (S. 76). Mit dieser Offenheit gegenüber bisher gegensätzlich scheinenden Forschungsperspektiven schafft Corinna Peil eine theoretische Grundlage für die Analyse von Medienkulturen, die komplexe Zusammenhänge von medienbezogenem Wandel und kultur- bzw. kontextgebundenen Handeln der Menschen in den Blick zu nehmen vermag.

In einem zweiten Schritt dient diese theoretische Grundlage dann als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Analyserasters zur Erforschung der Mobilkommunikation in der Kommunikations- und Medienwissenschaft und zu Japan im Speziellen. Nach einer Aufarbeitung und Sortierung vorhandener kultur- und kontextorientierter Studien in thematische Forschungsschwerpunkte, methodische Herangehensweisen und theoretische Zugänge identifiziert die Autorin vier Grundthemen der Mobilkommunikation, in denen sich kulturwissenschaftliche Fragen und Zusammenhänge verdichten. Dazu gehören Raumthemen, Zeitthemen, Beziehungsthemen und Medienthemen in der Mobilkommunikationsforschung. Insbesondere Medien als ein explizites Thema herauszuarbeiten, lässt sich hier als ein Verdienst Peils bezeichnen, weil das Mobiltelefon keineswegs isoliert, sondern als mobile Konvergenztechnologie und im Kontext anderer Medien betrachtet wird.

Mit diesen vier Systematisierungsebenen, mittels derer die kulturelle Infrastruktur der Mobilkommunikation konstituiert wird, liegt sodann ein Analyseraster vor, das im eigentlichen Hauptteil der Arbeit (Kapitel 5) am Beispiel Japans erprobt wird. Dabei schafft eine breite Literaturanalyse, die durch selbst durchgeführte Beobachtungen und Interviews bzw. Gespräche erweitert wird, eine breite und differenzierte Analysebasis, die dem Anspruch der Autorin gerecht wird, verschiedene Perspektiven und Konnotationen zu berücksichtigen. Hierüber entsteht dann auch das Bild von Japan als einer mobilen Medienavantgarde, in der sich Interaktionen von mobiler Mediennutzung und Kultur auf besondere Weise verdichten. Corinna Peil arbeitet für die Raum-, Zeit-, Beziehungs- und Medienebene jeweils typische Bedeutungsfelder heraus, die japantypische Praktiken medienbezogener, kultur- und kontextgebundener Kommunikation widerspiegeln.

Im abschließenden Kapitel (Kapitel 6) findet ein ausführliches Resümee der Analyse von Mobilkommunikation in einer spezifischen (Medien-) Kultur statt. Zudem werden die zentralen Erkenntnisse der vorangegangenen Kapitel noch einmal explizit in zwei visuell aufgearbeiteten Modellen zusammengeführt. Während das erste Modell (S. 337) auf die besondere kulturelle Infrastruktur Japans gerichtet ist, umfasst das zweite Modell (S. 346) ein kulturorientiertes Kontextualisierungskonzept der Mobilkommunikation, das die Analyse verschiedener (Medien-) Kulturen möglich macht. Gleichzeitig erweitert Corinna Peil an dieser Stelle letzteres Modell um Prozesse des Ausgleichens, Überlagerns, Entgrenzens und Erweiterns, die zwischen den vier Dimensionen Raum, Zeit, Beziehungen und Medien stattfinden und die auf die besondere Anpassungsfähigkeit des Mobiltelefons hinweisen. Mit einer kritischen Reflexion der Perspektiven und Reichweiten ihrer Analysen und Modelle schließt Corinna Peil ihre Arbeit ab.

Insgesamt liefert dieses Buch innovative Ansätze für die Beantwortung hochaktueller kommunikationswissenschaftlicher Fragestellungen, die sich auf derzeit stattfindende Mediatisierungsprozesse in kulturellen Zusammenhängen beziehen. Dabei wird eben gerade nicht (nur) eine einzelne theoretisch fundierte und empirisch umgesetzte Studie vorgelegt. Vielmehr nimmt sich Corinna Peil der umfangreichen und diffusen Literatur an, die bis heute zum Thema Medien, Kommunikation und Kultur existiert, systematisiert und reflektiert diese vor dem Hintergrund der Spezifik von mobilen Technologien und entwickelt ein kultursensibles Analyseraster für die Mobilkommunikationsforschung. Dabei gelingt ihr der Spagat zwischen der konkreten Analyse Japans als eine besondere Medienkultur und der Offenheit für die Erforschung unterschiedlichster Medienkulturen, wie sie heute existieren und im Wandel begriffen sind. Mit ihrer Arbeit liefert die Autorin damit wesentliche Ausgangs- und Ansatzpunkte für die weitere Erforschung von unterschiedlichsten Facetten kulturellen Wandels im Kontext von Mediatisierungsprozessen.

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