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Review: Journalism after September 11

Zelizer, Barbie/ Allan, Stuart (Hrsg.) (2011): Journalism after September 11.
Abingdon, New York: Routledge, 2nd ed., 342 Seiten, ISBN 978-0-415-46014-9.

Review von Ursula Götz

Der 11. September wird alles ändern. Das Medienecho schon kurz nach den Anschlägen auf das amerikanische Festland ließ keine Zweifel. Die Welt würde fortan eine andere sein. Die Welt des Journalismus auch? In ihrem Sammelband „Journalism after September 11“ versuchen Barbie Zelizer (Universität Pennsylvania, USA) und Stuart Allan (Universität Bournemouth, UK) Antworten zu finden. Bereits ein Jahr nach den tragischen Ereignissen erschien ihr Buch im Handel. 2011 wurde es neu aufgelegt.

„Journalismus zeigt seine wahren Farben, wenn die Welt draußen dunkel wird, wenn Aussichten düster werden und die Hoffnung schwindet“ (1). So beginnen die beiden Herausgeber ihre Einleitung. Und schon da dämmert es dem Leser: Die Erwartungen an die Berichterstattung über den 11. September waren wohl zu hoch. Zu hoch für einen Journalismus, der durch die Angriffe selbst erschüttert worden war. Wie haben amerikanische und britische Medien über die Ereignisse berichtet? Und wie hätten sie berichten sollen? Wie bewahren Journalisten, die selbst traumatisiert wurden, professionelle Standards in einem Klima der Angst und Unsicherheit? Welche Rolle spielt die Presse in demokratischen Systemen? Und was kann die Öffentlichkeit von einer Berichterstattung überhaupt erwarten?

Zelizer und Allan haben sich an die ganz großen Fragen herangetraut. Ihnen war klar, nicht auf alles Antworten zu finden – schon gar keine einfachen. Sie haben eine insgesamt überzeugende Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze zusammengestellt. Vorwiegend anglo-amerikanische Autoren aus der Wissenschaft und Medienwelt beschäftigen sich in 21 Beiträgen mit der Berichterstattung rund um den 11. September und mit dessen längerfristigen strukturellen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen auf den Journalismus. Haben wir mit dem 11. September etwa eine neue Epoche beschritten, in der Journalismus sich in seiner bisherigen Form verändern wird? Wird es einen neuen Journalismus geben? Eine neue Normalität? (15)

Der Journalismus hat sich, so scheint es, nur schleppend an die Herausforderungen des 11. September angepasst. Er tut sich noch immer schwer, seine Rolle zu finden. „Journalism after September 11“ will diese Unsicherheiten beschreiben: Zensur, Befangenheit, Patriotismus und eine Orientierung an Eliten werden ebenso behandelt wie Stereotype, Objektivität und die Herausforderungen für Kriegsreporter. Beleuchtet werden unterschiedliche Mediengattungen, Boulevardzeitungen wie Talkshows, Onlinemedien wie Fotografie. Das Thema „Trauma und Journalismus“ scheint ein Herzensthema der beiden Herausgeber zu sein und soll sich wie ein roter Faden durch den Band ziehen. So sind Zelizer und Allan überzeugt, dass viele US-Bürger, darunter auch viele Journalisten, durch die Angriffe und die permanente Berichterstattung darüber, tief traumatisiert wurden. Sie diskutieren mögliche Folgen für die gegenwärtige und zukünftige Art der Berichterstattung.

Zelizer und Allan schreiben dem Journalismus aber auch die Schlüsselrolle (2) zu, ganze Gesellschaften wieder aus ihrem Trauma herauszuführen, und zwar durch die Vermittlung von Sicherheit, durch gezeigte Anteilnahme und durch eine Wiederheranführung an den Alltag. An dieser Stelle hätte man sich eine kritische Auseinandersetzung mit journalistischen Rollenverständnissen gewünscht. Journalisten sollen berichten und erklären. Das ist unumstritten. Aber sollen Journalisten auch dazu beitragen, das Seelenheil traumatisierter Menschen wiederherzustellen? Diese Ansicht ist allemal diskussionswürdig. Zumal es viele amerikanische Journalisten bereits als enorme Herausforderung empfunden haben, normal in einer unnormalen Zeit (9) zu sein, Unerklärliches zu erklären. Eine Herausforderung, der die meisten Journalisten nicht gerecht wurden, so das Fazit vieler der Autoren, die dafür ganz unterschiedliche Faktoren festmachen. So haben ihrer Meinung nach ein falsches Verständnis von Patriotismus, fehlende Meinungsvielfalt und eine haarsträubende Informationsweitergabe der politischen Elite den Journalismus an seiner ureigenen Aufgabe, die Welt verständlich zu erklären, grob gehindert.

Es ist schon faszinierend: So gut wie jeder von uns hat ein Set von mehr oder weniger unauslöschbaren Bildern, Geräuschen und Stimmen im Kopf, die der Medienberichterstattung des 11. September entstammen. Die meisten von uns wissen genau, wo und wie sie von den Anschlägen erfahren haben. Viele saßen wie paralysiert vor dem Fernseher. Das einseitige und seiner Meinung nach völlig überzeichnete Bild, das dem westlichen Publikum dort vermittelt wurde, beschreibt der US-Wissenschaftler Robert McChesney sehr anschaulich: „Die USA, eine wohlwollende, demokratische und friedliebende Nation, wurden brutal von verrückten und bösen Terroristen angegriffen. Aus purem Hass. Weil diese die Freiheiten und den Wohlstand sowie die Lebensweise der Amerikaner verabscheuten. In einem gerechten Krieg will Amerika sich und seine Werte verteidigen und das globale terroristische Krebsgeschwür ein für alle mal ausrotten“ (106). McChesneys Beitrag über die strukturellen Grenzen des US-Journalismus gehört zu den besonders wertvollen dieses Bandes.

Präsident George Bushs Einteilung der Welt in gut und böse, seine wer nicht für uns ist, ist gegen uns-Botschaft, habe auch auf die Medien gezielt: watch what you say! (vgl. Vorwort; 144) Doch viele Journalisten haben sich, so scheint es, ganz freiwillig unter der Fahne versammelt: Live-Sternenbanner, Logos, Grafiken, Journalisten mit angesteckter US-Flagge am Revers, ein kollektives Wir: Wir wurden angegriffen! Annabelle Sreberny (292-307) sieht darin typische Anzeichen einer Trauma-Sprache, eine wir gegen die-Rhetorik, die ein Problem mit allem „anderen“ hat und jegliche Form von Ausgewogenheit, Neutralität oder Distanz vermissen lässt.

Warum wurden die USA angegriffen? Welche Gründe könnten die Angreifer gehabt haben und welche langfristigen Konsequenzen sind erwartbar? Die Frage nach dem warum? sei nie gestellt worden (Silvio Waisbord, 280), die Berichterstattung über ein wer-wie-wo-was-wann nie hinausgegangen. Ebensowenig habe eine Debatte stattgefunden, wie man am besten auf die Angriffe reagieren solle (Robert McChesney, 106). Einige Autoren beschreiben die US-Medien daher als Propagandaorgane für Militarismus und Krieg. Jeder, der die nationale Politik infrage stellte, galt als Verräter. Es habe sich noch nicht einmal nennenswerter Widerspruch erhoben, als viele Freiheitsrechte, darunter die Pressefreiheit, der nationalen Sicherheit im sog. Patriot Act geopfert wurden, beschreibt Victor Navasky bereits im Vorwort. Welche tiefer liegenden strukturellen Gründe könnte ein derartiges Versagen der Medien erklären?

Einige Autoren sehen in einer zunehmenden Medienkonzentration mögliche Gründe. So würden heute wenige Unternehmen die Medienlandschaft in den USA kontrollieren und damit das Nachrichtengeschäft. Da Nachrichten teuer und wenig profitabel seien, wären viele Korrespondentenbüros abgebaut worden. Mit der  logischen Folge, dass viele US-Bürger so gut wie nichts über die Region erfuhren, in der ihr Land Krieg führt, nichts über deren Geschichte, Politik oder Kultur und nichts über die Rolle der USA in der Welt, so der Autor James W. Carey. CNN ließ laut McChesney gar zwei Versionen des Krieges produzieren: eine kritische für das internationale Publikum und eine beschönigte für das US-Publikum (107).

Vier neue Beiträge und ein Nachwort erweitern die 342 Seiten umfassende zweite Auflage. Besonders hervorzuheben ist dabei Marie Gillespies „Our ground zeros“: diaspora, media, and memory, wo sie die Eindrücke und Erfahrungen der muslimischen Diaspora im Großraum London kurz nach den Anschlägen des 11. September beschreibt – und damit den ebenfalls sehr lesenswerten Beitrag von Karim H. Karim Covering Muslims: journalism as cultural practice um wertvolle Gedanken ergänzt. So sahen viele der Interviewten in einer Berichterstattung, die den Islam häufig mit Extremismus, Gewalt und Terror gleichsetzte, den Grund für steigenden Rassismus. Michael Bromley und Stephen Cushion erweitern in der neuen Auflage ihre Analyse der 9/11-Berichterstattung in der britischen Nationalpresse um einen Vergleich mit der Berichterstattung über die Londoner Anschläge vom 7. Juli 2005. Zudem gehen in einigen Beiträgen die Autoren in einem kurzen Nachwort auf aktuelle Entwicklungen ein.

Im Wesentlichen bleiben die meisten Beiträge gegenüber der ersten Auflage von 2002 jedoch unverändert. Barbie Zelizer und Stuart Allan verpassen damit leider die Chance, den Zustand und Wandel des Journalismus – insbesondere im Hinblick auf Krisen- und Auslandsberichterstattung – zehn Jahre nach den Ereignissen des 11. September zu reflektieren. So ist der Titel „Journalism after September 11“ irreführend, da sich die Beiträge im wesentlichen auf die anglo-amerikanische Berichterstattung unmittelbar rund um die Ereignisse 2001 beschränkt. Zudem fehlt dem Band Struktur. Die Einteilung der Texte in vier Kapitel wirkt willkürlich. Es werden insgesamt zu viele unterschiedliche Bereiche beleuchtet: einzelne Mediengattungen (TV, Print, Internet), individuelle, organisatorische und gesellschaftliche Ebenen des Journalismus, und dann noch das Feld „Trauma und Journalismus“. Statt eines roten Fadens wabert dieses Thema eher diffus durch den Sammelband. Es ist schon bezeichnend, wenn die Einleitung eines Buches mit über 30 Seiten der mit Abstand längste Beitrag eines Bandes ist. Am Ende wirkt das Konzept nicht durchdacht genug, das Buch-Projekt zu ambitioniert. Auch hier hätte die zweite Auflage Abhilfe schaffen können.

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