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Review: Migrantinnen in den Medien. Darstellungen in der Presse und ihre Rezeption

Lünenborg, Margreth; Fritsche, Katharina; Bach, Annika (2011):
Migrantinnen in den Medien. Darstellungen in der Presse und ihre Rezeption. Bielefeld: transcript Verlag, Reihe „Critical Media Studies“, Band 7,
176 Seiten, ISBN 978-3-8376-1730-6.

Review von Christine Horz

Die Analyse der Repräsentation von Migranten in den Medien hat sich seit den 1990er Jahren zu einem immer wichtigeren Bereich gegenwarts-bezogener kommunikationswissenschaftlicher Forschung entwickelt. Seitdem erschienen eine Reihe von Sammelbänden und wenige Monografien, die den Anschein erweckten, das kleine Forschungsfeld sei bereits abgesteckt. Der vorliegende Band verdeutlicht jedoch, dass zentrale Aspekte bislang nicht in der Breite und Tiefe behandelt wurden, die aufgrund der Medienthematisierungen notwendig sind. Den Autorinnen der hier besprochenen Studie – Mitarbeiterinnen der Arbeitsstelle Journalistik am Institut für Publizistik- und Kommunikations-         wissenschaft der Freien Universität Berlin – kommt deshalb der Verdienst zu, sich unter Gendergesichtspunkten ausschließlich dem Thema der Mediendarstellung von Migrantinnen anzunehmen. In dem sehr zugänglich gegliederten Band geht es Margareth Lünenborg, Katharina Fritsche und Annika Bach darum, die gebräuchlichsten Medienimages der Migrantinnen zu systematisieren.

Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt. Zuvor formulieren die Autorinnen sieben Forschungsfragen, darunter wie Migrantinnen in den Medien dargestellt und ob vielfältige Lebensentwürfe in der Berichterstattung sichtbar werden (12). Das erste Kapitel führt theoretisch in das Thema der Migrantinnen in den Medien ein. Mit dem zweiten Kapitel beginnt der empirische Teil der Studie. Es enthält die Inhaltsanalyse der Berichterstattung über Migrantinnen in fünf ausgewählten Tageszeitungen und eine Typologie der Darstellung von Migrantinnen. Das dritte Kapitel befasst sich mit der Rezeptionsanalyse und der Relevanz der Medienbilder für Migrantinnen und Nicht-Migrantinnen. Im vierten und letzten Kapitel machen die Autorinnen schließlich konkrete Vorschläge für gesellschaftpolitische Konsequenzen ihrer Studie.

Im kompakten theoretischen Auftakt (Kap. 1) führen die Autorinnen drei zentrale Kategorien ein, nämlich Gender, Ethnizität sowie Intersektionalität, um sie für die Erforschung des Medienbildes von Migrantinnen nutzbar zu machen. Sie beziehen sich auf die aktuelle Geschlechterforschung und betrachten sowohl Geschlecht als auch Ethnizität als „soziale und kulturelle Konstruktionen“ (17). In den Medien werden diese Konstrukte öffentlich verhandelt und dadurch gesellschaftlich produziert und reproduziert („doing gender, doing ethnicity“, 13). Unberücksichtigt bleibt, dass Gender und Ethnie auch politisch konstruiert werden, etwa durch das Kopftuchverbot für Lehrerinnen oder das Aufenthaltsgesetz. Durch die Medienberichterstattung werden politische Entscheidungen Teil des öffentlichen Diskurses über Migrantinnen. Verdienstvoll ist, dass die Autorinnen den Intersektionalitätsansatz in die Medienforschung einführen, denn mit dessen Hilfe können unterschiedliche Dimensionen der medialen Konstruktion der Migrantin als „Andere“, etwa als Frau, Migrantin und Muslimin, in den Medien analysiert werden. An dieser Stelle wünschenswert wäre ein expliziter Hinweis, dass Medienbilder von Migrantinnen zumeist Fremdbilder sind, da nur ein verschwindend geringer Teil der JournalistInnen einen Migrationshintergrund hat (was später im Text nachgeholt wird).

Die Darstellung des Forschungsstands zum Themenkomplex Medien und Migration enthält bei aller Prägnanz einige Widersprüche, denn der im theoretischen Teil beschriebene offene und fluide Charakter der Kategorie Ethnizität verkehrt sich in der Praxis häufig in einen essentialistischen Marker. Zu Recht kritisieren die Autorinnen zwar den Begriff „Ethnomedien“ der von Pöttker und Geissler (2005, 2006) geprägt wurde als „verengt“, „veraltet“ und zudem konzentriert auf „Medien aus dem nicht-westlichen Kulturraum“ (21). Die kritische Diskussion der theoretischen Kategorie Ethnizität insgesamt fällt jedoch zu knapp aus, schließlich enthält sie essentialistische Bestandteile und Unschärfen, so dass sie potentiell zum „Othering“ beiträgt. Zudem wirkt der Begriff Ethnizität häufig austauschbar mit „Migrationshintergrund“, so dass sich die Frage stellt, warum man nicht darauf verzichtet hat. Des weiteren wird auf die Mediennutzungsgewohnheiten von MigrantInnen eingegangen, wobei das Fernsehen vor dem Radio weiterhin das Leitmedium dieser Gruppe darstellt. Auf die Zeitungsnutzung der MigrantInnen wird leider nicht eingegangen, was jedoch als Relevanzkriterium der folgenden Zeitungsanalyse informativ und sinnvoll gewesen wäre. Die ausführliche Diskussion der Forschungslage und der Fakt, dass bislang nur sieben Studien zur Darstellung der Migrantin in den Printmedien vorgelegt wurden, verdeutlicht ein weiteres Mal die Bedeutung dieser explorativen Arbeit für die Erforschung des Themenkomplexes Medien und Migration.

Der empirische Teil (Kapitel 2 und 3) bildet den Kern der Studie, deren Stärke in der sehr gut durchdachten Methodik besteht. Sie ist die Grundlage einer stringenten Analyse, der Typologien der Mediendarstellungen von Migrantinnen, welche mit einer Gruppendiskussion verknüpft werden. Zunächst ist die Inhaltsanalyse der Presseartikel (Kap. 2) systematisch nach formalen und inhaltlichen Dimensionen der Darstellung von Migrantinnen gegliedert. Den Korpus bilden 1265 Artikel, die im Zeitraum von 2005 bis 2008 in zwei überregionalen (FAZ, TAZ), zwei regionalen Zeitungen (Kölner Stadtanzeiger, WAZ), sowie dem Boulevardblatt BILD erhoben wurden. Anhand dessen  ermitteln die Autorinnen eine Typologie des Medienimages von Migrantinnen, nämlich das Opfer, die Prominente, die Nachbarin, die Integrationsbedürftige, die Erfolgreiche und die Unerwünschte (81). Alle sechs Typologien werden quantitativ anhand von Grafiken und Tabellen und qualitativ anhand von Textbeispielen ausführlich begründet. Sehr aufschlussreich sind die Abbildungen von Zeitungsfotos von Migrantinnen, welche exemplarisch die visuellen Darstellungsmuster der Presse illustrieren. Wie die Autorinnen nachweisen, werden Migrantinnen zumeist als Opfer beschrieben, an zweiter Stelle folgt die Prominente. Zu den wichtigen Befunden zählt, dass die Qualitätszeitungen (TAZ, FAZ) meist das Bild des Opfers zeichnen, die Migrantin demnach als passiv beschreiben. Die BILD-Zeitung hingegen porträtiert Migrantinnen zu einem überwiegenden Teil als Prominente und damit als aktive und erfolgreiche Frauen. Die größte Vielfalt der Medienbilder von Migrantinnen machen die Autorinnen im Lokalteil aus. Die tiefergehende Reflexion der Ergebnisse sowie die Rückbindung an die Theorie fallen hier recht knapp aus. So wäre die Diskussion der gesellschaftlichen Bedeutung dieser Darstellungsmuster sowie der Nachweis von Intersektionalität an konkreten Beispielen nutzbringend gewesen, was die anschließende Gruppendiskussion nur zum Teil ergänzt. Zudem hat der Fehlerteufel in der Zusammenfassung zugeschlagen, denn Seite 103 wurde bei der Bindung mit S. 104 vertauscht.

Die Analyse der Gruppendiskussion bietet sehr interessante Einblicke, wie die medialen Inszenierungen von Migrantinnen selbst sowie von deutschen Medienkonsumentinnen wahrgenommen werden. Implizit erlaubt dieser Teil auch Rückschlüsse auf die Mediengewohnheiten der Befragten. So lehnen Migrantinnen ohne höheren Schulabschluss die öffentlich-rechtlichen Fernsehsendungen ab, da sie zu stereotyp über Einwanderung berichteten (139). Das Reflektieren des größeren Zusammenhangs hätte diese Befunde sicher spannend ergänzt, denn gerade die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten inszenieren sich durch Maßnahmen wie den Studien zur Mediennutzung von MigrantInnen oder dem CIVIS-Preis als Vorreiter für mehr Vielfalt in den Medien – was die Zielgruppe offenbar anders empfindet. Die Autorinnen beschreiben anhand von Originalzitaten, wie Einwanderinnen im Alltag von stereotypen Medienbildern betroffen sind, etwa wenn sie im Gespräch mit Nicht-Migranten immer wieder bestehende Vorurteile über ihre Religion (Islam) ausräumen müssen, die offenbar direkt aus den Medien übernommen wurden. Sehr interessant ist der Befund, dass die nicht-migrantischen Gesprächspartnerinnen kaum sensibel für die unbalancierte Berichterstattung über Migrantinnen sind, was wohl auch damit zusammenhängt, dass in den Medien kaum Innenansichten aus dem Alltag der Migrantinnen zu finden sind. Insofern rundet das vierte und letzte Kapitel die Studie sehr gut ab, wobei einer der Vorschläge der Autorinnen die „Sensibilisierung und Qualifizierung für migrantische Berichterstattung“ fordert.

Diese lesenswerte und facettenreiche Studie bietet insgesamt einen sehr guten und systematischen Überblick über die Darstellungsmuster von Migrantinnen in der Presse. Für die universitäre Lehre dürfte dieser kompakte Band unverzichtbar werden. Dass es sich hierbei nicht einfach um eine Variante des Themas Medien und Migranten handelt, wird gerade am Beispiel der muslimischen Frau deutlich, die in den Medien mit stereotypen Begriffen wie Importbraut, Zwangsheirat, Ehrenmord und Kopftuchmädchen assoziiert wird und dadurch im medialen Diskurs als Verkörperung der kulturellen Grenze zwischen christlich und islamisch geprägten Gesellschaften konstruiert wird. Auch wenn an einigen Stellen eine vertiefendere Analyse spannend gewesen wäre, bietet diese Studie doch einen sehr informativen Ausgangspunkt für mögliche Weiterentwicklungen der theoretischen als auch der empirischen Erforschung der Medienbilder von Migrantinnen.

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