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Review: Widerstand im Netz. Zur Herausbildung einer transnationalen Öffentlichkeit durch netzbasierte Kommunikation.

Winter, Rainer (2010): Widerstand im Netz. Zur Herausbildung einer transnationalen Öffentlichkeit durch netzbasierte Kommunikation. Bielefeld: transcript Verlag. 165 Seiten. ISBN 978-3-89942-555-0.

Review von Marcus Michaelsen

Mit seiner Studie liefert Rainer Winter einen Beitrag zu einer Debatte, die die Ausbreitung des Internet von Anfang an begleitet und mit der rasanten Entwicklung netzbasierter Kommunikation nur noch an Intensität gewonnen hat: die Frage nach dem demokratischen Potential neuer Informationstechnologien. Als Vertreter der Cultural Studies legt Winter besonderes Augenmerk auf soziale Akteure und Bewegungen, die über eine Artikulation alternativer Gesellschaftsvorstellungen dominante Diskurse und Machtstrukturen herausfordern. Zentrale Fragestellung ist dabei, ob das Internet die Bildung einer transnationalen Öffentlichkeit unterstützt und zu demokratischen Transformationen genutzt werden kann.
In der einführenden theoretischen Diskussion distanziert sich der Autor von einer technologisch determinierten Herangehensweise, die der prinzipiell dezentralen, partizipativen und interaktiven Funktionsstruktur des Internets kausale Effekte zuschreibt. Dem Kulturbegriff der Cultural Studies entsprechend werden Bedeutungen und Gebrauchsweisen von Medien erst bei Aneignung durch die Nutzer konstruiert. Dementsprechend müssen Untersuchungen zu Anwendungsformen des Internets immer auch den sozialen und kulturellen Kontext einbeziehen.
Mit Blick auf die Rolle des Internets in Globalisierungsprozessen beschreibt Winter die Herausbildung einer transnationalen Zivilgesellschaft: soziale Bewegungen und NGOs, die mithilfe digitaler Netzwerke über nationalstaatliche Grenzen hinweg agieren und sich als eine Kontroll- bzw. Gegenmacht zu dominanten Akteuren in Nationalregierungen, internationalen Konzernen und Organisationen verstehen. Eine erste Manifestation dieser Form von Zivilgesellschaft sieht Winter in den Protesten gegen die WTO in Seattle 1999, die weltweit von zahlreichen NGOs unterstützt wurden.
Anschließend wendet sich der Autor dem Internet selbst zu und stellt kurz dessen Entwicklung sowie Hindernisse einer barrierefreien Onlinekommunikation dar: digital divide, fragmentierte Teilöffentlichkeiten sowie Aufmerksamkeitsströme zugunsten etablierter Massen- und Unterhaltungsmedien. Zudem skizziert er mögliche Interaktionen von Markt, Staat und Zivilgesellschaft mit dem Netz. Um die Formierung sozialer Beziehungen und Identitäten im Internet genauer zu beleuchten, nutzt Winter den Begriff der „electronic tribes“ – netzwerkartige Zusammenschlüsse von Individuen mit gemeinsamen Interessen und Zielstellungen. Ein Exkurs über digitale Fankulturen ergänzt diesen Abschnitt.
Ein weiteres Kapitel diskutiert Perspektiven einer demokratischen Öffentlichkeit im Netz unter Verwendung des deliberativen Demokratiemodells nach Habermas. Der Auffassung des Autors nach schaffen es vor allem „digitale transnationale zivilgesellschaftliche Portale […], über die Anbindung an die lebensweltlichen Kontexte der Nutzer, diese für die Partizipation an politischen Prozessen zu gewinnen“ (96). Demnach können über transnationale Onlinekommunikation gesellschaftliche Problemlagen thematisiert und anschließend gemeinsame Deutungsrahmen entwickelt werden; eine zentrale Voraussetzung für kollektives Handeln. Neue Informationstechnologien ermöglichten es untergeordneten Akteuren, ihren Anliegen Gehör zu verschaffen und weltweit um Unterstützung zu werben. Zur Untermauerung seiner Argumentation greift der Autor auf das in diesem Zusammenhang häufig zitierte (und leider etwas veraltete) Beispiel der mexikanischen Zapatista-Bewegung zurück, der es in den 1990er Jahren gelang, über eine Anbindung an die weltweite Antiglobalisierungsbewegung auf ihren Widerstand gegen die mexikanische Zentralregierung aufmerksam zu machen.
Schließlich liefert die Studie Fallbeispiele von Webseiten bzw. Internetportalen dreier Organisationen, die der Autor einer transnationalen Zivilgesellschaft zurechnet: Association for Progressive Communication, Friends of the Earth International und OneWorld. Ergänzend wird die Homepage der Europäischen Union als transnationales Portal institutionalisierter Politik betrachtet. Diese Webseiten werden eher deskriptiv behandelt, der Autor bietet einen groben Überblick über Aktivitäten und Ziele der jeweiligen Organisation sowie den Aufbau der Onlinepublikation. Ein Großteil der Informationen scheint allerdings den Selbstauskünften der Akteure im Netz entnommen zu sein. Eine Analyse oder kritische Einordnung der Relevanz dieser Webseiten erfolgt nicht, weder über quantitative Nutzerzahlen, noch Verlinkungsstrukturen oder ethnografische Beschreibungen einzelner Anwender, Kampagnen oder Debatten, die mithilfe dieser Webseiten initiiert worden wären.
Auf Basis dieser Ausführungen kommt der Autor zu der Schlussfolgerung, dass das Internet die Artikulation alternativer Positionen erleichtert. Er beobachtet im Netz „kreative Widerstandspraktiken“, die einerseits auf eine Demokratisierung der Onlinekommunikation selbst abzielen, etwa indem sie über Förderung von Medienkompetenzen mehr Nutzern eine aktive Anwendung des Internets ermöglichen wollen, andererseits aber auch immer mit offline-Realitäten verflochten sind. Laut Winter fördert das Internet kosmopolitische Sichtweisen, die lokale und globale Belange miteinander verknüpfen und für weltweite Gerechtigkeit eintreten. Die wichtigsten Akteure der entstehenden transnationalen Öffentlichkeiten sind für ihn NGOs, die grenzüberschreitend Menschen für bestimmte Anliegen mobilisieren und auf politische Entscheidungen einwirken.

In Anbetracht der Schwierigkeit, zu einem sich rasch entwickelnden Forschungsfeld zu publizieren, liefert die Studie einen guten Einstieg in laufende Diskussionen zu möglichen demokratischen Funktionsleistungen des Internets. Die Einbettung in die Cultural Studies, die der Autor als eine Form Kritischer Theorie versteht, verleiht der Arbeit einen engagierten Charakter, so dass Anwendungsformen und Entwicklungspotentiale aufgezeigt werden, die es für den Ausbau einer grenzüberschreitenden demokratischen Öffentlichkeit weiter zu verfolgen gilt. Gleichwohl verbleibt die Argumentation zum großen Teil auf einer eher theoretischen Ebene und nutzt kaum empirische Erkenntnisse. Die Forschung zur Transnationalisierung von Menschenrechten etwa hat die Zusammenarbeit lokaler Akteure mit transnationalen NGOs bereits genauer untersucht und dabei besonders die Rolle von Diskursstrategien und Kommunikationsflüssen beim Widerstand gegen Normverletzer hervorgehoben.
Nicht zuletzt blendet der Fokus des Autors auf transnationale NGOs, deren Ursprung meist in westlichen Industrieländern liegt, wichtige Aspekte der Debatte zu Internet und Demokratisierung aus. So wird der Gebrauch sozialer Netzwerke durch die iranische Protestbewegung im Sommer 2009 zwar noch erwähnt, insgesamt aber nicht auf eine mögliche Rolle des Internets beim Widerstand gegen autoritäre Regime eingegangen. Dieser Themenbereich, dessen Bedeutung spätestens mit den politischen Umbrüchen in Nordafrika nicht mehr von der Hand zu weisen ist, wäre mit Hinblick auf die von Winter aufgeworfene Frage nach dem Beitrag des Internets zu demokratischer Transformation durchaus von Interesse gewesen. Gerade die Cultural Studies sollten Erkenntnisse dazu liefern können, ob und wie die innerhalb repressiver politischer Systeme im Netz entwickelten Gegenkulturen politisches Potential entfalten. Hier hätte eine Gelegenheit bestanden, diesen Ansatz für die Forschung in nicht-westlichen Kontexten weiter zu öffnen und fruchtbar zu machen.


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